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Der Papst im Fernsehen

In den letzten Tagen konnte sich jeder seine eigene Meinung bilden – über den Papstbesuch und über den ORF.

Es war der erste Papstbesuch im Vereinigten Königreich seit dem Schisma vor 500 Jahren. Damals spalteten sich die Anglikaner von der universalen katholischen Kirche aus ausschließlich weltlichen und machtpolitischen Gründen ab. Seither haben sich die beiden Kirchen zwar in Fragen des Priesteramts auseinanderentwickelt, allerdings nicht in Grundfragen des Glaubens. So nennen sich viele Anglikaner heute noch „English Catholics“.

Dieser Staatsbesuch konnte nur über förmliche Einladung des Staatsoberhaupts, also der Queen, zustande kommen. Sie ist wie der Papst nicht nur Staats-, sondern auch Kirchenoberhaupt. Den Vorschlag dazu machte die Regierung – das muss die sozialdemokratische Labour-Regierung Gordon Browns gewesen sein. Bereits die Einladung war eine beachtliche Geste, gerade angesichts der neuesten Entwicklungen. Hunderte von anglikanischen Pfarrern sind römisch-katholisch geworden, der Papst hat eigene anglikanisch-katholische Diözesen weltweit errichtet. Die Anziehungskraft der über eine Milliarde Mitglieder zählenden römischen Kirche auf die 70 Millionen in der ganzen Welt verstreuten Anglikaner ist groß. Das Faktum des Besuchs ist eine kleine Sensation. Der Ablauf war unerwartet herzlich, die Königin gab den Ton vor.

Die Botschaft des Papstes war klar: Die Verdrängung des Glaubens und Gottes aus dem öffentlichen Leben führt zu einer verkürzten Sicht von Mensch und Gesellschaft, ist ein Wesensmerkmal schrecklicher Diktaturen wie des Nationalsozialismus. Für die Missbrauchstäter fand er harte Worte, für ihre Opfer Worte der Entschuldigung, des Verstehens und des Mitleids. An den großen Feiern nahmen Hunderttausende Begeisterte teil; die Begegnung mit den Bischöfen der Anglikaner war geschwisterlich, jene mit der politischen Führung – man sah Margaret Thatcher, Tony Blair und Gordon Brown – eindrucksvoll.

Im ORF sah man vorwiegend die Protestkundgebungen und hörte vom Missbrauchsskandal. Markus Feinfurter berichtete in den Kirchensendungen umfassend, die Auswahl der Bilder in der ZIB war kritisch und selektiv. So kann man Meinung machen, ganz im Zeichen des Generalangriffs auf die Kirche. Im Ausland war das anders. Dort sahen viele Medien den Papstbesuch als unerwarteten Erfolg der katholischen Kirche und des Papstes – gerade in Zeiten der Missbrauchskrise. Nicht so der ORF und ein rosarotes Blatt in Österreich, die den Erfolg nur in den Augen der Kirche sahen. Wie schön: ein Klick, und man sieht und hört es anders, bei BBC, CNN, den deutschen Sendern, wo man auch die prächtigen Bilder aus Schottland, Birmingham, London ausgiebig wiedergab. Diese Vielfalt macht's möglich: Jeder konnte sich seine eigene Meinung bilden – über den Papstbesuch und über den ORF.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2010)