Peter Wittenbergs versiert-brave Inszenierung versieht Lessings "Nathan der Weise" im Landestheater Linz mit vordergründigen bis platten Bildern.
Recha (Jenny Weichert), angenommene Tochter eines reichen Juden in Jerusalem zur Zeit des Dritten Kreuzzugs, ist in der Linzer Inszenierung von „Nathan der Weise“ ein modernes Mädchen. Sie raucht und sieht ein Video, in dem irgendwo in Nahost Betonwände hochgezogen werden. Regisseur Peter Wittenberg hat Lessings dramatischem Gedicht ein kleines Vorspiel vorangestellt. Die Bühne ist offen, während die Zuseher am Samstag zur Premiere im Landestheater strömen. Schon beginnt es zu qualmen. Panisch läuft die athletische junge Frau den Gang rauf und runter.
Das Haus Nathans (Stefan Matousch), Jerusalem, der Palast des Sultans Saladin (Vasilij Sotke), alles spielt sich im Gang eines abgewohnten Großbaus ab. Florian Parbs hat die Bühne in extremer Zentralperspektive gestaltet. Links und rechts führen große, nicht einsichtige Ausgänge weg, ganz hinten leuchtet ein Schild: „Exit“. Dort erscheint der Retter für Recha, ein Tempelherr (Manuel Klein) als Soldat, im Unterhemd und mit Tarn-Hose. Das passt zu der versiert-braven Aufführung, die modisch ist und zu plakativen Vereinfachungen neigt.
Vorweggenommen wird also der Brand, den in Lessings Eröffnungsszene Rechas christliche Gesellschafterin Daja (Verena Koch) ihrem Dienstherren Nathan erzählt. Er kommt von einer Geschäftsreise, vom Schulden-Eintreiben, stellt Alu-Koffer und einen Teppich ab. Es raucht noch, der Heimkehrer gerät ebenfalls in Panik. Was der Zuseher noch nicht weiß: Nathan hat einst bei einem Pogrom Frau und Söhne verloren, Christen haben sie verbrannt. Was der Zuseher nach Bemerkungen Dajas ahnt: Danach hat er das Christenkind Recha bei sich aufgenommen – das ist riskant im Religionskrieg. Wie eine Erpresserin hört sich Daja an, die von Nathan reich beschenkt wird. Und sie ist nicht die Einzige, die diesen reichen Außenseiter ausnützt. Wer Nathans Toleranz begreifen will, die Lessing in die Ringparabel Boccaccios einbaut, sollte auch bedenken, warum er so ausweichend formuliert; Aufklärung richtet sich gegen Repression, Lessing betreibt Religionskritik. Drei Söhne, die drei Symbole für den Monotheismus, wähnen sich im Besitz eines wundertätigen Rings. Nur einer ist echt, das könne man nur an der Wirkung erkennen, meint Lessing und macht daraus eine transzendente Frage. Aber warum erzählt der Jude Nathan dem Sultan, der eine verbindliche Antwort über die Wahrheit der Religion fordert, eben diese offene Parabel? Wohl auch aus Vorsicht. Religion, das weiß der ironische Lessing, ist leicht entflammbar.
In Linz wurde „Nathan“ jedoch nicht zurückhaltend, sondern mit vordergründigen Bildern präsentiert. Der Sultan und seine Schwester Sittah (Bettina Buchholz) spielen nicht Schach, sie kegeln – dann fallen hinten Menschen um, einer hat eine Papiertüte überm Kopf wie ein von US-Soldaten Gefolterter in Bagdad. Der Sultan trägt Sonnenbrillen und die Pistole am Gurt wie ein orientalischer Despot. Er ist von schwarz gekleideten Frauen mit Schleiern umgeben. Und der Patriarch von Jerusalem (der imposante Erich Josef Langwiesner), der den furchtbaren Satz „Tut nichts, der Jude wird verbrannt“ sagt, ist die Karikatur eines Papstes. Er darf auch auf Pädophilie-Skandale anspielen, da wird gelacht. Der Regisseur packt viel hinein, viel Plattes auch.
Geschmackloser Schluss
Zum Glück sind die Rollen von Nathan und dem Sultan gut besetzt, sonst würden die Schwächen des Zeitgeistes noch stärker offenbar. Missglückt ist aber auf jeden Fall der Schluss. Große Versöhnung zwischen den Religionen, die Video-Wand wird wieder ausgepackt: Alles schart sich um ein Sofa und sieht beschwingt zu, wie in Manhattan aus einem Schutthaufen die Twin-Towers wieder erstehen. Das ist geschmacklos und deckt mehr zu, als es aufklärt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2010)