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Mein Montag

Warum muss eine Impfung ausgerollt werden?

Einen roten Teppich ausrollen, das ist ok. Aber eine Impfung?
Einen roten Teppich ausrollen, das ist ok. Aber eine Impfung?Clemens Fabry
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Ein Keksteig und ein Teppich haben mit einem Impfstoff wenig zu tun. Ein Flugzeug schon mehr.

Wissen Sie eigentlich, wie ein Impfstoff hergestellt wird? Offenbar ähnlich wie Kekse, wenn man den Sprachgebrauch der jüngeren Zeit verfolgt. Denn laufend ist zu hören oder lesen, dass ein Impfstoff oder sogar eine ganze Impfaktion ausgerollt wird. Und schon haben wir das Bild der Großmutter vor Augen, die mit dem Nudelwalker auf dem Küchentisch die RNA so flach auswalkt, dass sie durch eine Injektionsnadel in den Oberarm gedrückt werden kann. Gut, das war es dann auch schon, vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Tatsächlich ist das Ausrollen wieder einmal ein unhinterfragt übernommenes Modewort aus dem Managementsprech. Aber fangen wir von vorne an. Die ursprüngliche Bedeutung lag wohl tatsächlich im Auswalzen eines Teigs zu einer gleichmäßigen Fläche. Später kam auch die Bedeutung hinzu, dass man etwas Eingerolltes auswickelt, also etwa in Rollen gepackte Münzen herausnimmt. Aber auch das Ausbreiten von etwas Zusammengerolltem, zum Beispiel das Ausrollen eines Teppichs. Neben mittlerweile verloren gegangenen Bedeutungen wie etwa der, sich herumzutreiben, setzte sich auch noch eine zweite große Bedeutungsebene durch, nämlich dass man langsam aus einer rollenden Bewegung zum Stehen kommt – also etwa das Flugzeug auf der Landebahn ausrollt. Gut, aber eine Impfung?

Bleiben wir bei der Luftfahrt. Im Englischen wurde das erstmalige Herausrollen eines Flugzeugs nach der Herstellung als Roll-out bezeichnet. Dieser Schritt nach der Fertigstellung kursierte später auch in der EDV-Branche, wo vor allem Software an die Benutzer ein Roll-out erlebte. Und irgendwann wurde die Veröffentlichung oder der Beginn der Verteilung eines Produkts dann eben auch im Deutschen zur Ausrollung. Gut, dann hoffen wir nur, dass die nun ausgerollte Impfkampagne nicht noch auf den letzten Metern ausrollt . . .

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2021)