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Mein Dienstag

Alternative Geschichte in den Spuren der Burgunder

AUSSTELLUNGSEROeFFNUNG 'KARL DER KUeHNE'
Das Lütticher Reliquiar des letzten Burgunderherzogs, Karls des Kühnen.APA/GEORG HOCHMUTH
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Ein Spaziergang durch das flämische Städtchen Lier lädt zur ewig aufregenden Frage ein: was, wenn alles nur ein bisschen anders gekommen wäre?

Schafsköpfe“ nennen sich die Bewohner der hübschen Kleinstadt Lier in der Provinz Antwerpen, und das beruht auf folgender amüsanten Geschichte. Anfang des 14. Jahrhunderts bot Johann II., Herzog von Brabant, den Lierern als Dank für ihre Unterstützung seines Kampfes gegen Mechelen zwei Belohnungen zur Wahl an: entweder das Recht, einen Viehmarkt zu betreiben, oder eine Universität gestiftet zu bekommen. Die Lierer entschieden sich für das Marktrecht, was der Herzog mit dem Stoßseufzer „Oh, diese Schafsköpfe“ quittiert haben soll. Schöne Legende, vermutlich aber apokryph, wie Bart Van Loo in seinem exzellenten Buch „Burgund. Das verschwundene Reich“ zu bedenken gibt. Das Marktrecht freilich ist verbrieft, 1309 erhielt die Stadt es, und vorigen Sonntag, über den eleganten Marktplatz spazierend, ging ich der alternativen Geschichte nach, in der Lier die erste Universität auf dem Gebiet der heutigen Benelux-Länder erhielt, und nicht ein Jahrhundert später Leuven.

Im Rahmen meines Interviews mit Van Loo (erschienen am 29. Dezember 2020) stellte ich ihm auch eine uchronische Frage: was, wenn der letzte Burgunderherzog Karl der Kühne nicht 1477 vor Nancy gefallen wäre? In der Zeitung war damals kein Platz für seine Antwort, hier sei sie nachgereicht: statt Frankreichs König Ludwig XI. 1468 in Peŕonne freizulassen, hätte Karl ihn eingesperrt und Frankreich annektiert. Fünf Jahre später würde er in Trier zum deutschen Kaiser gekrönt, statt sich von Kaiser Friedrich III. eine Abfuhr zu holen. Karl, der somit König von Burgund geworden wäre, statt als Herzog zu sterben, wäre steinalt geworden. Auch sein Urenkel Karl II. von Burgund (nur unverbesserliche Reaktionäre würden ihn Karl V. nennen) hätte ein hohes Alter erreicht, dank seiner Mutter Johanna hätte er auch Spanien und dessen Kolonien in der Neuen Welt zu seinen Vereinigten Staaten von Burgund mit Sitz in Brüssel hinzugefügt – und 1598 mit dem Edikt von Nantes den Religionsfrieden in Europa gesichert.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com