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Gastkommentar

Das Vermächtnis des österreichischen Balkan-Ministers

Albert Rohan
Albert Rohan hatte vor seinem Tod im Jahr 2019 die Debatte über die Grenzänderungen als „ein mittelalterliches Stammesdenken“ bezeichnet.Clemens Fabry
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Die EU agiert in Südosteuropa nicht entschlossen genug - gegenüber dem Einfluss Moskaus und Pekings und Ideen von Grenzänderungen. Der verstorbene Spitzendiplomat Albert Rohan setzte sich stets für eine starke transatlantische Balkanpolitik ein.

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Die Balkanregion befindet sich in einer entscheidenden Zukunftsphase. Der wachsende Einflusses nichtwestlicher Akteure wie Russland und China auf dem Balkan sollte die EU-Staaten alarmieren. Und die vor Kurzem veröffentlichten sogenannten Non-Papers, die massive Grenzänderungen beinhalten, erschüttern die balkanische und die europäische Politik. Hätte die EU zuletzt in Südsosteuropa als handlungsfähiger und entschlossener Akteur agiert, wären die Entwicklungen anders verlaufen.

Der erfahrene österreichische Topdiplomat Albert Rohan hatte vor seinem Tod die Debatte über die Grenzänderungen als „ein mittelalterliches Stammesdenken“ bezeichnet. Und er mahnte, dass die europäische Gemeinschaft das nicht unterstützen dürfe. Rohans Perspektive sollte europaweit berücksichtigt werden. Sein diplomatisches Erbe - als international bedeutendster Diplomat der Zweiten Republik (Paul Lendvai) - muss eine notwendige Lehre für Europa bleiben.

Es ist ein besonderer Tag, an dem Rohan Geburtstag feierte. Rohan wurde am 9. Mai 1936 geboren. Und am 9. Mai, am Europatag, wird der Gründung der Vorgängerorganisation der EU gedacht. Vor zwei Jahren ist Rohan gestorben. Er zählte zu den Diplomaten, die Europas Politik auf dem Balkan in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich mitgeprägt haben. Zugleich spiegelt sich in seinen persönlichen Erfahrungen europäische Geschichte wider: Er wurde mit seiner Familie aus Böhmen, Ungarn und Niederösterreich vertrieben. Das Gefühl, vertrieben worden zu sein, war offenbar ein grundlegendes Stück seiner Lebenserfahrung - etwas, das er auf europäischem Boden nicht wiederholt sehen wollte.

Mastermind der österreichischen Kosovopolitik

Seit er 1990 die Abteilung Ost- und Südosteuropa im österreichischen Außenministerium geleitet hat, war die Instabilität vor allem in Ex-Jugoslawien eine tiefe Sorge für Rohan. Der zurecht als Mastermind der österreichischen Kosovo- und Südosteuropapolitik Bezeichnete stand an vorderster Stelle, wenn es darum ging, Kontakte mit allen wichtigen Parteien in Ex-Jugoslawien zu pflegen.

Die Rolle Rohans in der österreichischen Kosovopolitik ist historisch vergleichbar mit der seines Großonkels und Taufpaten, Graf Albert Mensdorf-Pouilly, der als Botschafter Österreich-Ungarns bei den Verhandlungen auf der Londoner Botschafterkonferenz (1912/13) bei der Herstellung des Friedens auf dem Balkan eine besondere Rolle gespielt hat. Seit dem Ausbruch des Krieges im Kosovo appellierte Rohan mit Nachdruck dafür, dass ethnische Säuberungen keine innere Angelegenheit eines Staates sein dürfen.

Rohan mochte es nicht, wenn man ihn „Mastermind“ der österreichischen Kosovopolitik nannte, da dies nicht er, sondern Alois Mock gewesen sei. Als Verfechter der „Mock`schen Politik“ (Gerhard Jandl) pflegte Rohan als eine Art graue Eminenz Kontakte zu Ibrahim Rugova, der mit pazifistischen Bemühungen nach einer Lösung suchte. Und in einer mutigen Initiative am 10. Juli 1998 verhandelte Rohan als einer der ersten westlichen Diplomaten mit der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK im Kriegsgebiet. Nur zwei Wochen zuvor hatte der US-Diplomat Richard Holbrooke einen lokalen UÇK-Kommandanten getroffen; die Bilder dieses Treffens waren um die Welt gegangen. Mit dem Ziel, einen serbisch-kosovarischen Dialog herbeizuführen, bereiste Rohan allein 1998 den Kosovo und Serbien vier Male. Gemeinsam mit Wolfgang Petritsch, der als erster österreichischer EU-Sondergesandter für den Kosovo fungierte, nahm er eine besondere Rolle bei den internationalen Friedensgesprächen ein. Nicht nur die schon erwähnten Duo-Diplomaten mit Fingerspitzengefühl, sondern auch die Österreicher Franz Vranitzky, Alois Mock, Erhard Busek, Wolfgang Schüssel, Stefan Lehne und Ulrike Lunacek haben eine maßgebliche Rolle für die Balkan-Region gespielt.

Der österreichische Balkan-Minister

Als Generalsekretär des Außenministeriums 1995 bis 2001 gehörte die Balkan-Region zu seinen „Spezialgebieten“. Als Rohan 2001 in Pension ging, waren in den österreichischen Medien Kommentare zu finden, die einen einhelligen Tenor hatten: „Österreichs Balkan-Minister verlässt die Bühne“.

Offiziell hatte Rohan die Bühne verlassen, aber die Bühne verließ ihn nicht. Im Jahr 2005 wurde er von UN-Generalsekretär Kofi Annan zum Stellvertreter des finnischen UN-Chefverhandlers Marti Ahtisaari ernannt, um für den „Gordischen Knoten des Balkans“ eine Lösung zu finden: Kosovo. Im Wettstreit der gegensätzlichen Ansichten von Serben und Kosovaren kamen Ahtisaari und Rohan zum Schluss, dass die „überwachte Unabhängigkeit“ des Kosovo die einzige reale Lösung sei.

„Diplomatisches Kind“ Kosovo

Das Mosaik der Republik Kosovo wäre ohne den Namen von Albert Rohan unvollständig. Er gilt als eine der wenigen europäischen Persönlichkeiten, die die politische Lage im Kosovo seit der Aufhebung der Autonomie beständig durch konkrete Lösungsvorschläge und Bemühungen begleitet hat. Die Republik Kosovo feierte im Februar ihren 13. Geburtstag. Man kann sie als Rohans „diplomatisches Kind“ bezeichnen, für das er mit seiner diplomatischen Erfahrung von mehr als 40 Jahren als eine „Hebamme“ agierte, um eine gesunde Entbindung zu gewährleisten.

Faruk Ajeti ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Internationale Politik.