ÖH: "Ausgleichszahlungen" für ausländische Medizinstudenten

Ausgleichszahlungen fuer auslaendische Medizinstudenten
Ausgleichszahlungen fuer auslaendische Medizinstudenten(c) Michaela Bruckberger
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ÖH-Generalsekretärin Mirijam Müller über den „Irrsinn“ des beschränkten Uni-Zugangs, die Studenten als soziale Randgruppe und die „dringend nötige“ Fusion von Uni- und Unterrichtsministerium.

„Die Presse“: Die Uni-Ministerin hat gewarnt, man müsse ganze Hochschulen schließen, wenn die Budgets nicht erhöht würden. Auch die ÖH warnt vor dem Niedergang des Systems. Sind Sie ausnahmsweise mit der Ministerin einer Meinung?

Mirijam Müller: Es stimmt, dass die Finanzsituation der Unis prekär ist. Es liegt jedoch in der Verantwortung von Ministerin Karl, das zu ändern. Sie sollte nicht nur warnen, sondern lieber ihre Aufgabe wahrnehmen und verhindern, dass Unis zugesperrt werden.

Karl hat durchaus Konzepte vorgelegt, die das verhindern sollen, etwa neue Studiengebühren. Die ÖH ist dennoch dagegen.

Studiengebühren sind sozial selektiv. Jene 250 Millionen, die sie im Jahr einbringen sollen, helfen uns auf Dauer zudem nicht weiter. Wir haben bereits einmal gesehen, dass die Uni-Budgets bei Einführung von Studiengebühren aliquot gekürzt wurden und sich der Staat seiner Verantwortung entzogen hat. Die Unis benötigen jährlich 300 Millionen mehr, allein um den derzeitigen Betrieb aufrechtzuerhalten.

Woher aber soll dieses Geld kommen?

Wir treten für eine Vermögensbesteuerung ein, die jene trifft, die wirklich sehr viel Geld haben. Ich denke da an alle, die mindestens 500.000 Euro Einkommen im Jahr haben. Die sollen einen Beitrag leisten.

Wer sich mehr leisten kann, soll mehr zahlen. Das würde, wenn parallel das Stipendienwesen ausgebaut wird, doch auch dem Wesen der Studiengebühren entsprechen.

Nein. Es wird immer vergessen, dass Studierende kein eigenes Einkommen haben. Wir sind immer von den Eltern abhängig. Es gibt viele Fälle, in denen Studierende ihre Ansprüche nur durch Gerichtsverfahren gegen ihre Familie durchsetzen können.

Sind 363 Euro im Semester wirklich unleistbar?

Es gibt Studierende, die unter der Armutsgrenze leben. Viele Menschen stellen sich das Studierendenleben zu romantisch vor. Die Politik hat bislang kein Interesse gezeigt, zu vermitteln, dass wir eine soziale Randgruppe sind, die keine soziale Absicherung hat.

Die FPÖ hat in der „Presse“ vorgeschlagen, Studiengebühren einzuführen, wenn es im Gegenzug einen völlig freien Uni-Zugang gibt und alle bestehenden Beschränkungen abgeschafft werden. Das wäre doch einen Deal wert, oder?

Nein, da gibt es keinen Kuhhandel. Die Diskussion um die Beschränkungen ist sowieso absurd. Ab 2011 werden die Studierendenzahlen sinken, weil die Maturantenzahlen sinken. Es ist irrsinnig, jetzt noch über Zugangsbeschränkungen nachzudenken, wenn wir ohnehin zu wenig Absolventen haben.

Wenn etwa in der Medizin alle Beschränkungen fallen, würde die Qualität des Studiums leiden. Muss man das in Kauf nehmen?

Ich halte den freien Zugang gerade in der Medizin für wichtig. Natürlich muss die Qualität stimmen. Es kommen schon jetzt viele aus dem Ausland, weil die Qualität an unseren Med-Unis gut ist.

Die meisten kommen wohl eher, weil sie in ihrer Heimat keinen Studienplatz bekommen.

Hier trete ich für ein Modell der Ausgleichszahlungen für Österreich ein, sodass Studierende länderübergreifend aus einem Topf finanziert werden können.

In diesem Jahr haben sich mehr als 10.000 Personen um einen Medizin-Platz beworben, bei einem freien Zugang müsste man sie alle aufnehmen. So viele Arbeitsplätze gibt es gar nicht.

Bevor es den Aufnahmetest gab, haben sich nie so viele beworben. Der Andrang ist auch auf den Mythos EMS-Test zurückzuführen. Viele kommen nur, um zu schauen, ob sie es theoretisch schaffen würden. Die Zahl der Bewerber würde ohne Test rasch sinken.

Fast alle Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Österreicher entgegen Ihrer Meinung für Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen ist. Liegt die ÖH in ihrer Wahrnehmung so falsch?

Nein. Das liegt daran, dass uns seit Jahren vorgebetet wird, dass das die einzige Möglichkeit sei, die Hochschulen zu sanieren. Wer mit dem Hochschulraum per se nichts zu tun hat, ist leicht zu beeinflussen.

Sie entstammen dem VSStÖ, Ihre Mutterpartei SPÖ stellt den Kanzler. Fühlen Sie sich von ihm in Uni-Belangen gut vertreten?

Ich fühle mich im Moment von der ganzen Regierung nicht gut vertreten. Es fehlt der Mut zu einer Gesamtstrategie, wie es in der Bildung weitergehen soll. Um das ständige Hickhack zu beenden, wäre es dringend nötig, das Wissenschafts- und das Unterrichtsministerium wieder zusammenzulegen.

Zur Person

Mirijam Müller (23) ist seit diesem Jahr neue Generalsekretärin der Bundes-ÖH. Seit 2005 studiert die gebürtige Salzburgerin Medizin an der Med-Uni Wien, seit 2008 ist sie bei den SPÖ-Studenten (VSStÖ) aktiv.

Der VSStÖ musste bei der vergangenen ÖH-Wahl 2009 eine empfindliche Niederlage einstecken – erhielt aber im Gegenzug für die Unterstützung der ÖH-Exekutive aus Gras und Fest (der Fraktion der FH-Studierenden) den Posten des Generalsekretärs. Die ÖH setzt sich gegen Zugangsbeschränkungen und die neuerliche Einführung von Studiengebühren ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2010)

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