84 Studenten der Unis Salzburg und Innsbruck nahmen mit 6700 Soldaten an einer Großübung im niederösterreichischen Allentsteig teil. Hier sollen sie auf ihre Arbeit nach dem Studium vorbereitet werden.
Im Konvoi bewegen sich die Fahrzeuge der UN-Factfinding-Mission durch das Kriegsgebiet. Plötzlich drängt sich ein fremdes Fahrzeug dazwischen. Die Kolonne stoppt. Nur wenige Sekunden später stürmen Aufständische zu den Fahrzeugen und zwingen die Insassen mit vorgehaltenen Revolvern zum Aussteigen. „Auf die Knie“, schreit einer. Die UN-Mitarbeiter folgen den Befehlen. Auch als sie gezwungen werden, all ihre Wertgegenstände abzugeben, wagt niemand Widerstand zu leisten.
Der Überfall ist kein Zufall, die UN-Kräfte wurden bewusst in die Falle gelockt. Man vertraute einem Einheimischen, der versprach, die Gruppe durch die unbekannte Gegend zu navigieren. Das war ein Fehler. Er lotste sie direkt in das gefährlichste Gebiet des Landes.
Mit 6700 Soldaten im Einsatz
Ein Fehler, der den UN-Einsatzkräften das Leben hätte kosten können. Gut, dass das ganze Szenario Teil einer Großübung des Bundesheeres ist. Bei den überfallenen UN-Mitarbeitern handelt es sich um Studenten der Geschichte und Politikwissenschaft aus Salzburg und Innsbruck. Für 84 von ihnen wurde der Truppenübungsplatz Allentsteig Ende September zum Krisenherd. Gemeinsam mit 6700 Soldaten aus neun verschiedenen Nationen nahmen sie an der European Advance Eurad 10 teil.
Der ethnische Konflikt zwischen Redland und Mainland spitzt sich erneut zu. Nachdem Redland Teile des Staates Mainland besetzt hatte, baten diese die Vereinten Nationen um Hilfe. Hier kommen die Studenten ins Spiel. Als Spezialisten für humanitäre Hilfe sind sie für die Erkundung des Gebiets, Factfinding, Planung, Organisation und Durchführung von Hilfskonvois im Kampfgebiet zuständig. Keine leichte Aufgabe. Vor allem deshalb nicht, weil sich der Widerstand der Redlander auch gegen sie richtet. Selbstmordattentate, Überfälle und Straßensperren prägen den Einsatz der UN–Mitarbeiter. Die Lage wird ernst: Die Studenten müssen von den internationalen Streitkräften evakuiert werden.
Lernen für die Praxis
Der Rucksack ist gepackt, die Tagesverpflegung vorbereitet und genügend Wasserflaschen sind befüllt. „Natürlich weiß man, dass es nur eine Übung ist, und dennoch steigt die Anspannung, wenn der Feind näher rückt“, meint Lukas Möschl, Rechts- und Politikwissenschaftsstudent an der Uni Salzburg. Zu Mittag ist es soweit: Die Militärpolizisten stürmen in das fiktive UN-Hauptquartier, um die Studenten zu evakuieren. Ausgerüstet mit Helmen und Splitterschutzwesten laufen sie aus dem Gebäude. Unter ständigem Schutz der Militärpolizei bahnen sie sich den Weg zu den bereitstehenden Fahrzeugen. Das Gefahrengebiet muss so schnell als möglich verlassen werden. Bis die Helikopter eintreffen, verstecken sich die Studenten im Wald. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Der Höllenlärm beginnt, zahlreiche Hubschrauber nähern sich dem Feldflughafen. Der Wind ist enorm, Gras, Blätter und Staub wirbeln durch die Luft. Die rund 40 evakuierten Personen kämpfen sich bis zum Helikopter vor, bei laufenden Rotoren steigen sie ein. Die Übung ist geglückt, die Studenten heben ab. Auf sie wartet nun der Aufbau eines neuen UN-Hauptquartiers. Eine logistische Herausforderung für die Studenten. Theoretische Vorarbeit wurde bereits vergangenes Semester an der Uni geleistet. Praktisch wurde sie von der 6. Jägerbrigade geleistet.
Währen der Übung werden die Studenten von Absolventen des Universitätslehrgangs für Friedensstudien der Uni Innsbruck betreut. Tilmann Bauer ist einer dieser Absolventen und im fiktiven UN-Hauptquartier für Finanzierung und Logistik zuständig. Von der Bereitstellung der Verpflegung bis hin zur Bezahlung von Gehältern wird alles geplant.
Trotz aller Pläne passiert viel Unvorhergesehenes, wie der bewaffnete Überfall. Die Übung ist realitätsnah, also enorm wichtig für die Studenten. Hier können sie sehen, ob sie der Arbeit in einer Krisenregion gewachsen sind, so der Leiter der Politikwissenschaftsabteilung an der Uni Salzburg, Reinhard Heinisch.
Auf einen Blick
Eurad 10: European Advance (Eurad10) heißt die größte Übung des Bundesheeres im Jahr 2010. Neben 6700 Soldaten nahmen daran Ende September auch 84 Studierende teil. Am Truppenübungsplatz Allentsteig simulierten sie einen ethnischen Konflikt. Die Studenten stellen die zivilen Einsatzkräfte dar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2010)