Naher Osten

Erneut Raketenangriffe und Verletzte in Israel

APA/AFP/GIL COHEN-MAGEN
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Das israelische Sicherheitskabinett beschloss die Ausweitung der Kampagne gegen die Hamas. Fluglinien setzen Flüge nach Tel Aviv aus.

Auch in der Nacht auf Donnerstag sind zahlreiche Raketen auf israelische Städte abgefeuert worden. Bei den Angriffen wurden in Petah Tikva fünf Menschen leicht verletzt und ins Spital gebracht, teilte die Polizei mit. Es habe einen direkten Treffer in der Stadt gegeben. Petah Tikva liegt im Osten der Küstenmetropole Tel Aviv, in der zuvor Raketenalarm ausgelöst worden war. Medienberichten zufolge gab es erstmals auch im Norden des Landes Raketenalarm.

Nach tagelangem gegenseitigen Beschuss zwischen der radikalislamischen Hamas und der israelischen Armee wächst international die Angst vor einem erneuten Krieg im Nahen Osten. Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen, es sind bereits weit über tausend Geschoße abgefeuert worden. Dabei sind bisher sechs Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden. Die israelische Armee reagiert auf den Beschuss mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gaza-Krieg des Jahres 2014. Laut dem Gesundheitsministerium im Gaza-Streifen sind bereits 65 Menschen ums Leben gekommen, mehrere hundert wurden verletzt.

Das israelische Sicherheitskabinett beschloss am Mittwochabend eine Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas. Die Armee solle von sofort an gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12 am Mittwochabend.

USA bemühen sich um Deeskalation

Unterdessen schalteten sich auch die USA in die Bemühungen um eine Deeskalation ein. US-Außenminister Antony Blinken sagte am Mittwoch in Washington, er habe den zuständigen Spitzendiplomaten Hady Amr darum gebeten, umgehend in die Region zu reisen und sich mit führenden Vertretern beider Seiten zu treffen. US-Präsident Joe Biden äußerte in einem Telefonat mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu den Wunsch nach einem Ende der Gewalt, betonte aber zugleich: "Israel hat das Recht, sich selbst zu verteidigen." Netanyahu teilte dem US-Präsidenten nach Angaben seines Büros mit, dass Israel seine Militärschläge gegen die Hamas fortsetzen werde.

Bei israelischen Luftangriffen auf den Gazastreifen waren nach Angaben des von der Hamas geführten Innenministeriums schon alle Polizeigebäude in dem Küstengebiet zerstört worden. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Bei erneut intensivem Raketenbeschuss durch Militante aus Gaza wurden am Abend in Israel mehrere Menschen verletzt. In Sderot schwebte ein fünf Jahre alter Bub nach Angaben des Rettungsdienstes Magen David Adom in Lebensgefahr. Auch im Großraum Tel Aviv war erneut Raketenalarm ausgelöst worden. Heulende Warnsirenen waren am Abend zu hören.

Netanyahu: „Das ist erst der Anfang"

Zuvor hatten israelische Kampfflugzeuge ein weiteres von Militanten genutztes Hochhaus in Gaza zerstört. In dem 14-stöckigen Gebäude hatten sowohl die islamistische Hamas als auch der militante Islamische Jihad Büros. Außerdem tötete Israel bei Angriffen mehrere hochrangige Vertreter der Hamas. "Das ist erst der Anfang - Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben", sagte Regierungschef Netanyahu dazu am Mittwoch in einem Krankenhaus in Kholon.

Zwischen jüdischen und arabischen Israelis ist es am Mittwoch in mehreren israelischen Städten zu schweren Konfrontationen gekommen. Trotz einer Ausgangssperre flammten Unruhen in der Stadt Lod in der Nähe von Tel Aviv erneut auf. Nach Medienberichten wurde in der Stadt ein Polizeifahrzeug in Brand gesetzt. In Akkon (Akko) im Norden des Landes wurde nach Angaben des israelischen Fernsehens ein jüdischer Einwohner von arabischen Demonstranten lebensgefährlich verletzt.

In Bat Yam südlich von Tel Aviv attackierten ultrarechte Juden nach Medienberichten arabische Geschäfte. Ein arabischer Einwohner wurde nach Fernsehberichten von einer jüdischen Menge brutal mit Knüppeln angegriffen. In Haifa bewarfen jüdische Demonstranten nach Angaben der "Times of Israel" einen arabischen Autofahrer mit Steinen. Er habe daraufhin einen der Angreifer angefahren und verletzt. Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern war zuletzt auch auf arabische Ortschaften im israelischen Kernland übergeschwappt.

In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Proteste gegen Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen palästinensischer Familien im Viertel Sheikh Jarrah. Zu Gewalt kam es zuletzt auch in arabischen Ortschaften im israelischen Kernland.

Hamas greift israelischen Atomreaktor an

Der militärische Arm der islamistischen Hamas-Organisation feuerte nach eigenen Angaben am Mittwoch zudem 15 Raketen in Richtung der israelischen Wüstenstadt Dimona. Dort befindet sich ein israelischer Atomreaktor, der allerdings als extrem gut geschützt gilt.

Nach Angaben des Militärs starben in Israel mindestens fünf Menschen durch Raketenbeschuss. Zudem wurde ein israelischer Soldat von einer Panzerabwehrrakete getroffen und getötet. Für den Angriff, bei dem weitere Soldaten verletzt wurden, machte die israelische Armee die Hamas verantwortlich.

International wuchs die Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Die Vereinten Nationen warnten den UNO-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten UNO-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert.

Angesichts der Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern haben UNO-Generalsekretär António Guterres und Russlands Außenminister Sergej Lawrow sich nach einem Treffen in Moskau für ein Treffen des Nahost-Quartetts ausgesprochen. Die Gruppe besteht aus den USA, Russland, den Vereinten Nationen und der EU.

Flughafen Ben Gurion unter Beschuss

Alle Flüge zum internationalen Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv sind wegen des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen vorübergehend umgeleitet worden. Die umgeleiteten Maschinen würden nun nahe des südlichen Ferienortes Eilat landen, teilten die israelischen Flughafenbehörden am Donnerstag mit. Die Entscheidung betreffe jedoch keine startenden Flieger.

Bereits am Dienstagabend hatte die Flughafenbehörde vorübergehend den gesamten Flugverkehr zum und vom Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv ausgesetzt, als Raketen aus dem Gazastreifen auf die israelische Metropole abgefeuert wurden.

Austrian Airlines, Lufthansa und British Airways setzen wegen des neu aufgeflammten Nahost-Konflikts alle Flüge von und nach Tel Aviv aus. "Aufgrund der weiterhin erhöhten Sicherheitslage in Israel wird Austrian Airlines die Flüge nach Tel Aviv bis einschließlich 14. Mai aussetzen. Die geplanten Flüge am 13. und 14. Mai werden gestrichen", teilte die AUA am Donnerstag mit. Zuvor annullierten auch die AUA-Mutter Lufthansa und British Airways ihre Fluge nach Tel Aviv.

(APA/DPA)

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