Thierry Henry: Ein Fußballstar auf Abwegen

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Auf dem Rasen fällt New Yorks große Hoffnung eher unangenehm auf. Dafür ist er Gast auf vielen Partys und kurbelt den Immobilienmarkt an. Sein Geld ist der Superstar aber durchaus wert.

Den Vorwurf, nicht mit offenen Karten gespielt zu haben, kann man Thierry Henry nicht wirklich machen. Schon als der Fußballstar im Sommer einen Vierjahresvertrag mit dem Team von Red Bull New York unterschrieb, war irgendwie klar, worum es ihm eigentlich geht. Das wunderschöne Manhattan, die tolle Gesellschaft und das lebenswerte Ambiente seien entscheidende Gründe für seinen Umzug in die US-Metropole, sagte der Franzose bei einer Pressekonferenz voller Begeisterung.

Klar, erfolgreich Fußball spielen wolle er auch, fügte er hinzu, als ein Journalist im Zuge der Präsentation nachfragte. Muss er ja auch sagen, mag sich so mancher Sportreporter im Publikum gedacht haben. Pro Jahr verdient Henry in New York knapp sechs Millionen Dollar, Werbeeinnahmen und Bonuszahlungen nicht inkludiert. Das macht den Franzosen neben David Beckham zum bestbezahlten Spieler der US-Fußball-Liga.

Sein Geld ist der Superstar, der mit der „Grande Nation“ 1998 Weltmeister wurde, durchaus wert. Die „Bullen“, wie das Team von New York genannt wird, verkaufen so viele Fanartikel wie nie zuvor. Sie jubeln über Mehreinnahmen von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Anhänger strömen ins Stadion, am Wochenende beim 2:0 gegen Los Angeles saßen 27.000 Fans auf den Tribünen – eine beachtliche Zahl für die USA, wo sonst Baseball, Basketball und American Football die Sportnachrichten dominieren.

Einzig Thierry Henry konnten die Zuseher nicht bewundern. Die Marketingmaschinerie rund um den Fußballer ist zwar ausgezeichnet angelaufen. Die sportliche Leistung lässt aber zu wünschen übrig. Gegen Los Angeles kam der 33-Jährige gar nicht zum Einsatz. Im Spiel zuvor gegen Dallas fiel Henry eher unangenehm auf: Er verletzte den gegnerischen Torhüter, als er nach einem Treffer seines Mannschaftskollegen nochmals den Ball kicken wollte. Statt dem Spielgerät traf er den Knöchel des Goalies. „Unglücklich gelaufen“, sollte der Sportler nachher sagen. Er kam mit einer Geldstrafe von 2000 Dollar davon.


Der Beliebtheit Henrys tun solche peinlichen Fehltritte derzeit noch keinen Abbruch. Dazu tragen seine Auftritte in den Klatschspalten der Magazine bei. Mit seiner Freundin, dem bosnischen Modell Andrea Rajačić, tauchte der Fußballer bei mehreren Partys während der Fashion Week auf und verließ diese erst zu später Stunde. Auch bei den US Open wurde Henry gesichtet. Er schrieb geduldig hunderte Autogramme. „Vor allem für partyverrückte Teenager“, merkte das Magazin „Hello“ hämisch an.

Dass er eher abseits der Sportseiten für Schlagzeilen sorgt, scheint Henry nicht besonders zu stören: „Ist doch schön, dass mich die New Yorker als Menschen wahrnehmen“, erklärt er. Konnte er zu den ersten Spielen noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die neugebaute Arena der „Bullen“ in New Jersey anreisen, sei dies nun nur schwer möglich. „Die Leute erkennen mich.“

Mehr als der sportlichen Leistung hat der Franzose seinen Bekanntheitsgrad der Präsenz in den Klatschspalten zu verdanken. Aber auch sein Wohnungskauf sorgt für Aufregung. 14,5 Mio. Dollar legte der Welt- und Europameister für ein dreistöckiges Apartment im Party- und Shoppingbezirk Soho auf den Tisch. Zu seinen Nachbarn zählen nun unter anderem Hollywoodstar Tom Cruise und die Sängerin Alicia Keys.

Die „New York Times“ macht sich ob des Lebensstils bereits Sorgen um die fußballerischen Künste des Franzosen. „Henry ist enttäuschend. Die besten Spieler von Red Bull verdienen am wenigsten Geld“, schrieb das Blatt nach dem Sieg gegen Los Angeles. So kassiert Verteidiger Tim Ream, gegen Los Angeles der beste Mann auf dem Platz, gerade mal 40.000 Dollar pro Jahr – den Mindestbetrag für Fußballer der höchsten US-Liga.

Das Management und die sportliche Leitung von Red Bull geben sich bislang schweigsam, was die fehlende Leistung des Franzosen betrifft. „Er erfüllt unsere Erwartungen“, ließ man kurz und prägnant ausrichten. Ob Henry in den kommenden Spielen in der Startelf stehen werde, könne man noch nicht sagen. Das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig – solange die Marketingmaschinerie ordentlich läuft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2010)

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