Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Büros

Erzwungene Nachdenkpause

Bei den Lofts im Graumannviertel in Traun können die Nutzer mitbestimmen, wie ihr Arbeitsumfeld gestaltet sein soll.
Bei den Lofts im Graumannviertel in Traun können die Nutzer mitbestimmen, wie ihr Arbeitsumfeld gestaltet sein soll.Hand GmbH
  • Drucken

Die Coronakrise hat laufende Projektentwicklungen durcheinandergewirbelt. Bei einigen war noch Zeit zum Umplanen, andere hat es kalt erwischt.

Covid wird gehen, die Veränderungen werden bleiben. In zahlreichen Projekten zeigt sich, wie die letzten 14 Monate die Konzeption beeinflusst haben. „Die aktuellen Entwicklungen wirken wie eine Art Katalysator auf die Immobilienbranche, was dazu führt, dass gewisse Zukunftsthemen nun schneller zum Standard werden“, sagt Walter Hammertinger, Geschäftsführender Gesellschafter Value One Development: „Wichtig ist, dass die Branche das als positiven Schub für innovative und nachhaltige Projekte betrachtet.“

Weg von festen Plätzen

Value One setzt seine Ideen beim neuen Firmensitz um, der im Juni bezogen werden soll. Er befindet sich in den denkmalgeschützten und seit 1964 nicht mehr genutzten Tribünen 2 und 3 im Viertel Zwei. Mit dem Modell „Activity Based Working“ will man sich von den fixen Arbeitsplätzen lösen und mehr zu einer flexiblen Arbeitsweise übergehen. Hammertinger: „Es entsteht eine neue Arbeitslandschaft, die für unterschiedliche Aktivitäten das ideale Umfeld bieten wird, egal ob kreatives Miteinander oder konzentriertes Arbeiten.“ Grundsätzlich ist der Geschäftsführer überzeugt, dass vor allem Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei aktuellen und neuen Projekten eine wesentliche Rolle spielen werden.

Auch bei Bondi Consult, das derzeit das Projekt TwentyOne in Floridsdorf umsetzt, „hat Corona zu einem teilweisen Umdenken sowohl in der Konzeption von Büros als auch bei den anderen Nutzungen geführt“, erklärt Geschäftsführer Anton Bondi. Auf insgesamt sechs Bauplätzen entsteht ein Gewerbepark, der neben großzügigen Büroflächen ein Hotel, ein Studentenwohnheim sowie Infrastruktur für die Nahversorgung, mehrere Restaurants und kleinere Geschäfte beinhalten wird. Insgesamt wurden nun großzügigere Allgemeinflächen vorgesehen und die Größe der Büroeinheiten den neuen Anforderungen angepasst. Bondi: „Es sind keine Großraumbüros mehr geplant, sondern variable Bürostrukturen mit flexiblen Trennwänden. Auch den wechselnden Anforderungen der Nutzer wird Rechnung getragen.“ So ist unter anderem eine getrennte Co-Working-Fläche vorgesehen, die für kurzfristige Nutzungen durch Projektgruppen voll ausgestattet zur Verfügung gestellt werden kann. Ebenfalls vorgesehen sind servicierte Besprechungs- und Veranstaltungsflächen.

Projekt adaptiert

Genau während der Umbauarbeiten und der Erweiterung hat es den Firmensitz des Unternehmens Codico in Perchtoldsdorf „erwischt“. Geplant war eine markante Vergrößerung der Lager- und Logistikflächen und eine Verdoppelung der Büroflächen. Dann kam Corona. Die Lagerkapazitäten wurden zwar mit einer neuen Halle entsprechend erweitert, die Büroplanungen mussten aber überdacht werden. „Durch Covid hat Home-Office sehr stark Einzug gehalten und man hat festgestellt, dass die Erweiterung des Bürogebäudes nicht mehr erforderlich war“, erklärt Architekt Andreas Hawlik, Geschäftsführer von Huss Hawlik Architekten, der für den Umbau verantwortlich war. „Und so hat man sich stärker auf die Reorganisation der bestehenden Flächen konzentriert.“

Für die Architekten und das Team von Codico eine Herausforderung, denn es gab bereits eine Baubewilligung und einen fertigen Ausführungsplan für die Erweiterung. „Die Umsetzung des Konzeptes ist Anfang Mai 2020 gestoppt worden, und wir haben uns eine Bedenkzeit genommen“, berichtet Hawlik. Im August wurde dann entschieden, statt der Erweiterung eine innere Reorganisation der Bürostrukturen vorzunehmen. Etwas kompaktere Arbeitsplätze mit mehr Möglichkeiten für Besprechungen und Community Spaces wurden eingeplant, um den Mitarbeitern ein differenziertes Arbeiten zu ermöglichen. „Wir sind schließlich bei dem Konzept geblieben, dass jeder Mitarbeiter seinen eigenen Arbeitsplatz bekommt. Der Gedanke dahinter war, dass das Büro auch eine Art zweites Zuhause sein soll“, führt Karin Krumpel, Geschäftsführerin von Codico, aus. Und so wurden zusätzlich eine zentrale Lounge und ein großer Garten mit Trainingsmöglichkeiten und Schwimmteich eingeplant, die auch am Wochenende von den Mitarbeitern und ihren Familien genützt werden können.

Nutzer äußern Wünsche

Der Wirtschaftsoziologe und Immobilienentwickler Hannes Horvath, Gründer der Hand GmbH, sieht sich beim Graumann-Viertel in Traun bestätigt: „Nutzungsoffene Gebäude, die den Bedürfnissen der Mitarbeiter entgegenkommen, so wie wir das geplant haben, gab es schon vor Corona. Diese Entwicklung ist jetzt verstärkt worden.“ Im Fall der Graumann-Lofts, einem 2000 Quadratmeter großen, vielfältig nutzbaren Gewerbegebäude, geht man jetzt noch einen Schritt weiter. Parallel zum Spatenstich Anfang März hat man mit dem Aufbau der Graumann-Community begonnen. Kreative, Selbstständige und Gewerbetreibende sollen ihr Arbeitsumfeld selbst gestalten und alle Beteiligten von den Synergien untereinander profitieren. „Wir wollen Selbstständige zusammenbringen“, betont Horvath und ergänzt: „Wir fragen, was die Menschen wollen, und mutmaßen nicht, was sie brauchen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2021)