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Artenvielfalt

Wie kommen eine Bäuerin und ein Forscher ins Reden?

Eine Umfrage erkundet, warum wissenschaftliche Erkenntnisse so wenig in der bäuerlichen Praxis ankommen.
Eine Umfrage erkundet, warum wissenschaftliche Erkenntnisse so wenig in der bäuerlichen Praxis ankommen.Clemens Fabry
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Eine Landwirtschaft, die mehr Rücksicht auf die Biodiversität von Insekten und Vögeln nimmt, wäre für Mensch und Umwelt besser – und brächte ökonomische Vorteile. Eine Umfrage erkundet, warum wissenschaftliche Erkenntnisse so wenig in der bäuerlichen Praxis ankommen.

Kennen Sie den Wiedehopf? Der heimische Vogel fällt durch seine schwarz-weiße Zeichnung und den Schopf am Kopf auf. Mit dem langen Schnabel stochert er in Kuhfladen oder kurzgefressenen Wiesen nach Grillen, Würmern, Engerlingen. Sein Problem: Es gibt kaum noch Tiere auf den Weiden. Um die Wirtschaftlichkeit etwa der Milchproduktion zu steigern, sind Kühe heute weitgehend in „Laufställen“ untergebracht. Das Gras wächst, die Fladen fallen unter Dach.

Das Beispiel soll verdeutlichen: Die heutige landwirtschaftliche Praxis beeinträchtigt die Biodiversität auf unseren Wiesen und Feldern. Die Anzahl der Pflanzen-, Insekten- und Vogelarten verringert sich, Raritäten verschwinden. Warum das so ist und was sich dagegen tun ließe, darüber gibt es zuhauf wissenschaftliche Erkenntnisse – eine biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft hätte Vorteile für Umwelt und Menschen, unter Umständen auch ökonomische. Dennoch wird diese Wirtschaftsweise von Bauern kaum in die Praxis umgesetzt. Warum nicht? Bea Maas, Agrarökologin am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Uni Wien, ist dem mit Kolleginnen aus Deutschland und den USA nachgegangen. 44 Fragen haben sie in einer Online-Umfrage 208 Landwirtinnen und Landwirten sowie 98 Umweltwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern in Österreich und Deutschland gestellt – eine im Vergleich zu anderen Studien in dem Feld große Stichprobe, die statistisch gesehen etwas jünger ist als der Durchschnitt.

Das grundsätzliche Bewusstsein, dass die eigene landwirtschaftliche Existenz auch mit einem gesunden Ökosystem zusammenhängt, sei bei vielen da, sagt Maas. Als Kategorien in der Umfrage wurden extra solche gewählt, die den Landwirten zum Beispiel aufgrund von Förderschienen gut bekannt seien; da gebe es keine Wissenslücken. „Zwar ist in den Kategorien der Landwirte häufiger ein großer Graubereich zu sehen, weil es da öfter hieß, sie könnten keine klare Tendenz angeben. Die Wissenschaft wiederum hat ein sehr idealistisches Weltbild“, sagt Maas. Aus wissenschaftlicher Perspektive fallen Ökosystemleistungen – egal, ob es um Produktion, Qualität, Resilienz gehe – sehr häufig in die Kategorie sehr wichtig. Keine allzu große Überraschung für Maas.

Doch warum nun schaffen die Biodiversitätsmaßnahmen es nicht ausreichend in die Praxis? Die Frage ist nach der Umfrage eigentlich neu zu stellen. „Wer sind einerseits die Zielgruppen, die wir schon auf unserer Seite haben, die die Wissenschaft eh auch im Blick haben?“, sagt Maas. Sie nennt diese Gruppe die „biodiversitätspositiven“ Landwirte, die stärker weiblich, gebildet, kleiner strukturiert sind und auf ökologischen Landbau setzen; auf sie könne man – etwa als Multiplikatoren – zählen. Auf der anderen Seite gibt es eine kritischere Gruppe. Wie lässt sich bei ihnen Bewusstsein schaffen?

 

Mehr beraten, fördern und austauschen

„Verbale Kommunikation, der direkte Austausch wird als sehr bedeutend für landwirtschaftliche Entscheidungsprozesse wahrgenommen“, sagt Maas. Und genau da ließe sich ansetzen: Austausch anregen, Fachgruppen oder Beratungsstellen gründen, besetzt mit Bauern, Wissenschaftlern und Politikern, und Förderungen in dem Bereich schaffen – auch für die Biodiversitätspositiven. „In der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) fallen gerade die Kleinbauern aus dem Fördersystem heraus“, sagt Maas. „Dabei: Wenn wir die Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen, muss in genau diesem Bereich unterstützt werden.“ Das wäre übrigens für Österreich mit seiner kleinstrukturierten Landwirtschaft von Vorteil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2021)