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Der jähe Fall des Jurij Luschkow

18 Jahre an der Spitze Moskaus haben dem Bürgermeister Größenwahn beschert. Nun hat der Kreml reagiert.

Jurij Luschkow hat seinen Machtkampf gegen den Kreml verloren und muss Hals über Kopf aus dem Bürgermeisterbüro des Moskauer Rathauses ausziehen. Gerade in Wien sitzen zwei Herrschaften, die den Abgang des selbstherrlichen Stadtbonzen gewiss mit großem Bedauern quittieren werden: Bürgermeister Michael Häupl, der Luschkow 2007 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien umhängte. Und Heinz-Christian Strache, der ein Jahr später seinen Parteipressedienst gar nicht genug über den „überaus herzlichen Gedankenaustausch“ schwärmen lassen konnte, den der FPÖ-Chef mit dem Moskauer Stadtoberhaupt hatte führen dürfen.

Der mit allen Wassern gewaschene Luschkow konnte eben auch in Österreich mit vielen Mächtigen und Möchtegern-Mächtigen. Das Luxushotel etwa, das seine Frau Jelena Baturina heute in Kitzbühel besitzt, erwarb die Milliardärin mit dem Segen des früheren ÖVP-Landeshauptmanns Herwig van Staa. Sicher ein schöner Alterssitz für die beiden, sollte es in Moskau politisch zu heiß werden.

Letztlich ist der jähe Absturz des Jurij Luschkow nichts Ungewöhnliches. 18 Jahre als Regent der größten Stadt Europas haben den heute 74-Jährigen zum politischen Autisten gemacht. Luschkow hat zuletzt ganz offensichtlich geglaubt, er sitze noch immer fest im Sattel, sei praktisch unangreifbar. Doch sein Sündenregister ist lang.

Zwar hat Luschkow die Stadt Moskau modernisiert, aber zum Teil auch gewaltig verschandeln lassen (erinnert sei nur an das Monsterdenkmal für Peter den Großen). Kein Moskau-Besucher, der nicht stundenlang in einem gewaltigen Verkehrsstau gestanden wäre. Moskau gehört inzwischen zu den teuersten Pflastern Europas, gleichzeitig gibt es in der Stadt nach wie vor große Armut. Die russische Hauptstadt zog in den Boomjahren den Großteil der ausländischen Investitionen an, die andere Städte und Regionen des Landes viel dringender benötigt hätten.

Allein in Moskau zu schalten und zu walten war Luschkow dabei immer zu wenig. Mit derbem russischen Nationalismus und Chauvinismus mischte er sich wiederholt in außenpolitische Angelegenheiten ein. So hat er beispielsweise die Unabhängigkeit der Ukraine nie so recht akzeptiert. Wobei nie klar war, ob er sich aus populistischem Kalkül oder wegen „familiärer“ geschäftlicher Interessen zu Wort meldete.

Der Höhepunkt seines Größenwahns und seines politischen Realitätsverlustes war wohl, als er die hochkarätigen Gäste aus dem Ausland bei den diesjährigen Siegesfeiern in Moskau im Mai mit riesigen Stalin-Postern an den Hauswänden hatte empfangen wollen. Schon damals dürfte sich Präsident Dmitrij Medwedjew gedacht haben: „Der ist nicht mehr lange Moskaus Bürgermeister.“ Und Medwedjew hat schließlich die Macht, Gouverneure und Bürgermeister ab- und einzusetzen.

Aber wieder: Luschkow wähnte sich politisch stark genug, um Medwedjew die Stirn zu bieten. Er kritisierte ihn in einem Zeitungsinterview, deutete an, dass Wladimir Putin der bessere Präsident wäre. Klar wollte er so das „Tandem“ auseinanderdividieren, Putin auf Medwedjew hetzen und selbst ungeschoren davonkommen.


Doch genau das hätte ein alter Fuchs wie Luschkow wissen müssen: Erstens war er persönlich auch bei Putin noch nie gut angeschrieben – Putin mag Luschkow vermutlich genauso wenig wie Medwedjew. Zweitens deutet derzeit nichts Konkretes auf ein ärgeres Zerwürfnis des russischen Führungsgespanns hin – so verzweifelt Russland-Beobachter auch nach Hinweisen darauf suchen.

Ja, vielleicht gibt es unterschiedliche Ansichten zwischen Medwedjew und Putin, wie man etwa die Modernisierung des Landes voranbringen könnte. Na und? Der Präsident ist offenkundig der Ansicht, dass mit dem Haufen alter Gouverneure, von denen viele schon in der Ära Boris Jelzin zu Amt und Würden gekommen sind, kein Umbau der Strukturen möglich sei. Luschkow ist ja nicht der erste Stadt- beziehungsweise Regionalfürst, den Medwedjew gefeuert hat.

Jetzt wird interessant zu beobachten sein, wen der Präsident zum Nachfolger Luschkows ernennen wird. Luschkows Stellvertreter, Wladimir Resin, der die Stadt interimistisch führt, wird es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht werden. Prominente Namen schwirren herum: Vizepremier Sergej Iwanow, Katastrophenschutzminister Sergej Schojgu, der Stabschef des Premierministers, Sergej Sobjanin. Übrigens alle drei engste Vertraute Putins. Und gerade diesen Putin hatte Luschkow gegen Medwedjew aufhussen wollen. . .

Korrespondentenbericht Seite 5


burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2010)