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Der Beschützer der Alpen

Porträt. Clemens Matt, seit Oktober Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins, über Sinnsuche, Fingerspitzengefühl und warum ein monetärer Abstieg erfüllend sein kann.

Oft zieht es den Tiroler Clemens Matt (47) nicht nach Wien. Der Österreichische Alpenverein, dessen Generalsekretär er seit acht Monaten ist, hat 196 Sektionen. Matt kommt viel herum.

Zum Antritt wünschte ihm Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora „das nötige Fingerspitzengefühl“ – was versteckt sich hinter diesem kryptischen Wunsch? „Ich habe es großteils mit Ehrenamtlichen zu tun“, antwortet Matt nach kurzer Pause in bedächtigem Tirolerisch. „Das sind 25.000 Menschen, die in ihrer Freizeit die Sektionen leiten. Sie halten Wege und Hütten instand. Sie führen Touren. Sie halten Kletter- und Lawinenkurse ab.“ Keinesfalls dürfe er sie wie bezahlte Angestellte führen: „Sondern durch wertschätzenden Umgang. Unsere Freiwilligen sind die Basis des Vereins.“

Welch eine Veränderung! Noch vor einem Jahr arbeitete Matt beim Pharmakonzern Novartis an seinem Auftrag, die Strukturen stetig weiter zu verschlanken. „Synergien heben“ heißt das in der Business-Sprache. Er sollte es den Mitarbeitern als Vorteil verkaufen, dass sie in externe Firmen ausgelagert wurden. „Einer sagte mir, damit würde ich in die Firmengeschichte eingehen.“ Das gab ihm zu denken.


Erleuchtung am Bücherregal

Doch welche Alternativen hatte er, damals Transition Manager und auch verantwortlich für Shared Services und technische Infrastruktur, nach 26 Jahren Novartis? Konzerne sind in Tirol dünn gesät. Vielleicht sollte er ganz etwas anderes machen? Matt stand vor seinem Bücherregal und fragte sich, was ihn interessierte. Das Regal war voll mit Bergführern.

Bald darauf fand er eine Ausschreibung: „Gesucht: Manager mit Leidenschaft für die Berge“. Als Außenseiter trat er gegen 120 andere Kandidaten an. Warum, fragte man ihn, warum sollte ein gut bezahlter Pharmamanager auf so viel Gehalt verzichten? „Weil ich es gern machen täte“, antwortete er bestimmt. Im Gespräch betont er mehrmals, dass er volle 40 Stunden in eine Swot-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen, Risken, Anm.) für den Alpenverein investiert hat. Augenscheinlich lohnte es sich. Nicht nur bei den Entscheidern: Bis heute zehrt er von seiner Analyse. „Sie spiegelt meine damalige Sichtweise von außen. Ich habe gedacht, wie ein Mitglied denkt.“


Non-Profit statt High-Profit

In seinen ersten Monaten fielen ihm täglich Unterschiede zwischen seinem alten und seinem neuen Leben auf. Erfolg definiert sich nicht mehr über Geld und Weiterkommen, sondern über „behutsames Lenken und Erste-Spuren-Hinterlassen“. So wie bei Novartis will er nicht in die Geschichte eingehen.

Natürlich, auch Non-Profit-Organisationen haben Ziele. 600.000 Mitglieder zählt der Alpenverein aktuell. Das klingt nach viel, doch im Coronajahr 2020 stieg die Mitgliederzahl nur um 2700, nicht wie sonst um 15.000 bis 28.000 Mitglieder jährlich. Mittelfristig kann sich das zum Problem auswachsen: Die Hälfte der derzeit 43 Millionen Euro Budget speist sich aus Mitgliedsbeiträgen.

Ein Gutteil der anderen Hälfte machen Hüttennächtigungen und Bergkurse aus. Seit Herbst fallen sie komplett weg. Selbst wenn jedes Angebot sofort ausgebucht war, pandemiebedingt musste er wenig später alles wieder absagen. „Langfristig geht das ans Eingemachte.“ Eingemachtes heißt: an Mission und Vision des Alpenvereins. „Eine unserer Grundsäulen ist das gemeinschaftliche Tun. Das können wir derzeit nicht bieten.“

Nicht dass er inzwischen untätig herumsäße. Ein aktuelles Projekt ist eine App, die nur vordergründig Berg- und Wanderwege abbildet: „Damit können wir auch Menschenströme an Wildruhegebieten vorbeilenken.“ Die Berge vor einem übermäßigen Ansturm lockdownmüder Großstädter zu schützen war einer der großen Wünsche seiner Freiwilligen.


Mitgestalten statt verhindern

Womit wir bei der Sinnfrage angelangt sind. „Schutz der Alpen“ gefällt ihm um einiges besser als das frühere „Synergien heben“. Gemeint ist „nicht bloß Bäume pflanzen und neue Wege bauen“, auch wenn das die Projekte sind, mit denen der Verein die Jungen – „unsere Zukunft“ – begeistert: „Noch wichtiger ist, dass wir unsere Stimme erheben, wenn wieder ein Sessellift gebaut werden soll.“

Matts Ansatz ist nicht das Verhindern, sondern das Mitgestalten. Dann holt er, ganz Manager, alle Stakeholder – Tourismusverbände, Seilbahn, Bundesforste, Jägerschaft und Bergrettung – an einen Tisch und arbeitet „Schulter an Schulter die Themen ab. Wir suchen sanfte, nachhaltige Alternativen, die auch den Leuten vor Ort weiterhelfen.“

Obwohl diese das vielleicht ganz anders sehen: „Ist Corona erst einmal vorbei, werden sie erst recht argumentieren, dass sie einen neuen Lift brauchen.“ Auf solche Diskussionen bereitet er sich gerade vor. So sorgfältig wie damals auf die Swot-Analyse.

ZUR PERSON

Seit Oktober ist der frühere Pharmamanager Clemens Matt (47) Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins. Als Quereinsteiger – Matt ist Diplom-Bauingenieur und hat einen Abschluss in General Management – kämpft er beim Non-Profit-Verein gemeinsam mit 25.000 ehrenamtlichen und 60 angestellten Mitarbeitern gegen das pandemiebedingte Stagnieren der Mitgliederzahlen – aktuell sind es 600.000 – und für die nachhaltige Erschließung der Alpen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2021)