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Online-Meetings: Gegen das große Gähnen

Virtuell führen. Online-Meetings sind langweilig, anstrengend, und sie machen müde. Das lässt sich ändern: mit Tricks aus der Trainerkiste, die Bewegung in jedes Meeting bringen.

Stundenlang regungslos auf Kacheln starren, aus denen mehr oder weniger bekannte zweidimensionale Gesichter auf einen einreden. So werden Online–Meetings von jenen beschrieben, die zu viele davon haben.

Online-Meetings sind keine echten Begegnungen, sagen sie, man fühlt sich danach einsam und ermattet. Weil das Starren auf den Bildschirm nicht nur die Augen anstrengt. Es fehlt an Abwechslung, körperlicher Bewegung und sozialer Interaktion.

Dem lässt sich abhelfen. Durch Anleihen bei einer Berufsgruppe, die auch pandemiebedingt ins Web ausweichen musste: den Trainern. Erinnern wir uns zurück an die seligen Zeiten früherer Präsenzseminare: Nach Begrüßung und Vorstellung investierte ein guter Trainer in eine Teambuildingrunde, die immer mit Ortsveränderung und Zusammenspiel verbunden war. Ersteres, weil physische Bewegung Konzentration und Lerneffekt fördert, Zweiteres, weil Gruppen, die einander mit möglichst vielen Sinnen „beschnuppern“ dürfen, vertrauensvoller und damit effektiver zusammenarbeiten.


Einstieg einmal anders

Längst hat die Trainerszene ihr Repertoire ins Netz übertragen. Vieles davon lässt sich auch ins Meeting übernehmen. Etwa die Begrüßung: Alle tun einfach so, als nickten sie ihren Kachelnachbarn links und rechts, oben und unten zu. Am Schirm sieht das tatsächlich persönlich aus, real dehnt es die Nackenmuskulatur – und das Meeting beginnt mit einem Lachen.

Falls Zeit für eine Aufwärmrunde ist, lassen sich Trainingsspiele mit didaktischem Hintergrund einbauen. Leidet das Team etwa unter notorischenIdeenverweigerern, lässt der Moderator mit verteilten Rollen eine Szene spielen. Ein Teilnehmer bekommt den Auftrag, Vorschläge zu einem Thema nach Wahl zu machen, ein anderer (keiner der realen Verweigerer) soll sie kommentieren. Im Geheimen wurde er über die Chat-Funktion gebrieft, sie durchgehend mit „Ja, aber“ abzublocken. Wie frustrierend das für den Ideengeber ist, ist auch am Bildschirm für alle offensichtlich. In einer zweiten Runde wird „Ja, aber“ durch „Ja, und“ ersetzt und die Vorschläge des ersten Spielers werden weiterentwickelt. Rundet der Moderator die Erkenntnisse mit verstärkenden Worten ab, hat die Gruppe ein gemeinsames Erlebnis – und etwas dazugelernt.


Konkretes Arbeiten virtuell

Selbst Pragmatisches wie das Arbeiten an realen Problemen lässt sich ins Virtuelle übertragen. In Microsoft Teams, der am häufigsten verwendeten Software, hat die reale Flipchart ihre Entsprechung in der digitalen „Pinnwand“. Vorab beschriftet sie der Moderator, z.B. mit den Spalten „Ist-Situation“, „Ziel“, „Herausforderungen“, „Hindernisse“ usw. Der Moderator oder das Programm teilen die Teilnehmer in Kleingruppen auf, die Lösungen für das Problem suchen, ihre Pinnwand damit beschriften und später im Plenum ihre Lösungen präsentieren. Sehr ranghohe Personen können anonym oder unter einem Pseudonym mitarbeiten, um die anderen nicht einzuschüchtern. Am Ende sollten sie sich outen.

Längst haben sämtliche Vortrags- und Diskussionsformate ihren Weg ins Netz gefunden. Sogar die altbewährte „Fishbowl“: Im realen Setting sitzen die Diskutanten in der Mitte und das Publikum rundherum. In der virtuellen Variante dürfen die Diskutanten als einzige Ton und Kamera anlassen, alle anderen drehen ab. Damit sie nicht verloren gehen, kündigt der Moderator Fragen im Anschluss an.

Selbst Brainstormings funktionieren virtuell. Hier steht die Aufgabe auf der vorbereiteten Pinnwand. Alle Teilnehmer schreiben gleichzeitig ihre Ideen dazu und lassen sich von denen der Kollegen inspirieren. So wagen sich auch sonst zurückhaltende Teilnehmer aus ihrer Deckung.


Auflockern

Im einfachsten Fall fragt auch ein schichtes „Daumen hoch“ vor der Kamera die Stimmung ab. Verspielte blenden vorbereitete Charts mit Wettersymbolen (von Sonne bis Gewittersturm) oder Batterien (von voll bis leer) ein. Wer sein Team vom Theoretischen in die Umsetzung führen will, lässt jeden über die Chat-Funktion ein paar Fragen beantworten. Etwa: Womit sollen wir beginnen? In welchem Teilprojekt will ich mitarbeiten? Um das Protokollieren muss sich dann niemand mehr kümmern.

Ob vor der Mittagspause eine Runde virtuelles „Schere, Stein, Papier“ (alle gegen den Moderator – wer verliert, darf Bild und Ton abdrehen und in die Pause gehen) oder beim Zurückkommen „Stille Post“ (ein beliebiger Satz wird unhörbar für die anderen vom jeweils letzten an den nächsten Zugeschalteten weitergegeben – mal schauen, was der letzte versteht): Ein bisschen Lachen schadet nie. Und lockert langweilige Meetings auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2021)