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Culture Clash

Schutz vor Femizid

Wenig Hoffnung. Kann man Frauen davor schützen, von (Ex-)Partnern umgebracht zu werden? Mit Kampagnen gegen häusliche Gewalt? Durch Verurteilung des Männlichen?

Femizide sind seltene Ausnahmephänomene und schon daher kaum mit Maßnahmen anzielbar. Dazu kommt, dass Österreich im europäischen Vergleich kein ungewöhnliches Ausmaß an Frauenmorden verzeichnet, das einen besonderen Faktor als Ansatzpunkt für Maßnahmen offenbaren würde. In den zehn Jahren bis 2018, als es mit 41 die meisten Frauenmorde in Österreich gab, belegten wir in der EU mit starken Schwankungen Plätze zwischen 4 und 22. Bemerkenswert sind wir nur darin, dass wir im internationalen Vergleich sehr wenig Morde an Männern verzeichnen, etwa wegen des Fehlens von Bandenkriegen.

Weil man ein seltenes Phänomen so schwer angehen kann, setzt man in der Diskussion gewöhnlich bei der sehr viel häufigeren häuslichen Gewalt an Frauen an. Auch das hat seine Tücken. In der umfangreichsten europäischen Studie dazu (FRA, 2014) gehört Österreich zu jenen Ländern, in denen Frauen am wenigsten von häuslicher Gewalt betroffen sind. Entweder ist also unsere Situation diesbezüglich schon ziemlich gut, was Hoffnungen auf große weitere Fortschritte dämpft. Oder sie hat sich seit damals beträchtlich verschlechtert, dann wäre es gut zu wissen, warum. Und die allerwenigsten gewalttätigen Beziehungen enden durch Mord.

Aber auch, wenn er die raren Mörder kaum tangieren wird, ist der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen ein guter Kampf. Ist aber eine Verallgemeinerung auf „die Frauen“ als Opfer und „die Männer“ als Täter („Männer töten.“ lautete eine Twitter-Kampagne) wirklich hilfreich? Nicht nur, weil das die Vorstellung vieler Täter bedient, dass Gewalt gegen Frauen eh das Normale ist. Es weitet auch den Blick, wenn man nicht vom Klassenkampf zwischen Männern und Frauen ausgeht, sondern von der Versuchung des Stärkeren in einer Beziehung, seine Stärke gegenüber dem Schwächeren auszuspielen. Meist sind die Stärkeren Männer und die Schwächeren Frauen, aber oft auch nicht.


Und eine Untugend bekämpft man am besten nicht dadurch, indem man sie sich abzugewöhnen sucht, sondern indem man sie durch die konträre Tugend ersetzt. Dass also die Stärkeren nicht so tun sollen, als wären sie nicht stärker, sondern dass sie Freude daran finden, ihre Stärke für den Schwächeren einzusetzen. Eine intime Partnerschaft ist der Ort schlechthin, wo jeder seine Stärke dazu einzusetzen hat, dem anderen Schutz und Geborgenheit zu geben. Zivilisierung hat daher einmal auch den Ehrgeiz beinhaltet, den Mann zur Tugend der Ritterlichkeit zu erziehen. Ihre Renaissance schiene mir vielversprechend.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2021)