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Wort der Woche

Die Sorge um mineralische Rohstoffe

Für die Energiewende wird eine Vielzahl an mineralischen Rohstoffen benötigt. Es gibt Sorgen, dass sie bald knapp werden könnten.

Die Energiewende bringt auch eine Veränderung der Materialien mit sich, auf denen unsere wichtigsten Technologien beruhen: Bisher waren Kohle, Erdöl und Erdgas die zentrale Basis für die Energieversorgung – in Zukunft werden dies mineralische Rohstoffe wie etwa Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium, Aluminium, Grafit oder seltene Erden sein. Die Nachfrage nach diesen Materialien wird laut einer aktuellen Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) im Jahr 2040 sieben bis 42 Mal größer sein als heute. Ein Elektrofahrzeug z. B. benötigt sechsmal so viele mineralische Rohstoffe wie ein herkömmliches Auto, ein Windkraftwerk neun bis 13 Mal mehr als ein Gaskraftwerk gleicher Leistung.

Versorgungsengpässe sind in jedem Fall eine ernste Bedrohung. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied: Erdöl und Erdgas sind selbst Energieträger – wenn es eine Verknappung gibt, kommt es sofort zu Energiemangel und Preissteigerungen. Bei Sonne, Wind und Co. hat ein Materialmangel hingegen keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Energieversorgung – die Energieträger stehen ja weiterhin zur Verfügung; eine Materialknappheit behindert aber den Ausbau von erneuerbaren Energien und damit die Energiewende.

Verschärft wird das Szenario einer möglichen Verknappung dadurch, dass die Konzentration auf einige wenige Lieferantenländer noch weiter zunimmt: Die Top-3-Produzenten von Erdöl- und Erdgas vereinen knapp 50 Prozent des Weltmarkts auf sich; bei den Materialien für die Energiewende sind es sogar 50 bis 90 Prozent.

Aber werden durch den technologischen Wandel nicht auch wertvolle Rohstoffe für andere Verwendungen frei? Z. B. bei Platin und Palladium? Wenn weniger Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs sind, werden in der Tat weniger Abgaskatalysatoren benötigt. Aber gleichzeitig wächst der Bedarf für Brennstoffzellen. Unterm Strich ergibt sich laut den IEA-Experten eine Steigerung der Nachfrage nach den begehrten Edelmetallen.

Diese Geschichte kann stellvertretend für alle Werkstoffe der Zukunft stehen: Die Zahl der benötigten Materialien und v. a. deren Mengen wachsen stetig – und damit die Abhängigkeit von Lieferanten. Ein Beleg dafür ist das Smartphone, für dessen Fertigung nicht weniger als 62 verschiedene chemische Elemente aus aller Welt benötigt werden.

Die IEA drängt daher darauf, dem Materialthema einen höheren Stellenwert einzuräumen als bisher. Andernfalls werden wir in Zukunft Kriege um Mineralien führen – statt wie derzeit um Erdöl.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2021)