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Wiener Festwochen

Kurz-Zitate und Misanthropen-Hymne am Rathausplatz

„Stop Femicide“ stand auf ihrer Jacke: Mira Lu Kovacs sang u. a. einen Song von Radiohead.
„Stop Femicide“ stand auf ihrer Jacke: Mira Lu Kovacs sang u. a. einen Song von Radiohead.ORF
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Ohne Publikum und ziemlich melancholisch: Die Eröffnung der Wiener Festwochen lief heuer nur im Fernsehen. Mit freudloser Ode an die Freude, traditioneller Bob-Dylan-Interpretation, liebem Augustin, tragischem Tango und einem Finale mit Nackten, Blech und Blut.

„Es Leitln, kommts her da, egal wo's grad sads“, sang Ernst Molden, auf einer Parkbank sitzend, mit gehörigem straßenprophetischem Aplomb. Der Aufruf konnte dennoch nicht befolgt werden, der Rathausplatz blieb leer: Die Eröffnung der Wiener Festwochen, die 2020 ganz abgesagt worden war, konnte heuer nur als Fernseh-Übertragung im ORF stattfinden. In diesem Rahmen wirkte gerade Moldens Übersetzung von Bob Dylans „The Times They Are A-Changin'“ besonders fehl am Platz: „Wer bled umadum steht, kriagt ans aufs Dach“, sang der Sänger, doch da stand fast niemand . . .

Immerhin wurde mit diesem Lied eine würdige Tradition fortgeführt: 2009 war „Forever Young“ in der Version von Heller/Ambros am Rathausplatz zu hören, 2013 „I Shall Be Released“ (von Molden als „Daun bin i ealösd“ übersetzt), 2018 „Like A Rolling Stone“ in der Ambros-Fassung („Allan wia a Stan“). Diesmal also „Die Zeiten tan si ändern“, und genau diesmal passte es nicht: Der naive Aufruf des frühen Dylan, von Molden auch weniger virtuos als gewohnt übersetzt, passte weder zur Situation noch zur sonstigen Stimmung dieser Eröffnung.

Nachdem der Wiener Bürgermeister bei seiner kurzen Ansprache die Kultur als „Nahrungsmittel für alle“ bezeichnet und ein „phasenweise kulinarisches“, aber auch „kontroversielles“ Programm versprochen hatte, begann der Reigen mit einer elegischen, getragenen bis schleppenden Instrumentalversion der „Ode an die Freude“, die keinerlei Freude versprühte und völlig logisch in Kurt Sowinetz' böser Umkehrung „Alle Menschen san ma zwider“ aus dem Jahr 1972 mündete, mit maliziöser Theatralik vorgetragen von den Strottern.

Bald folgte die nächste Antihymne: „The National Anthem“ von Radiohead, ein schauriges Stück über Angstzustände, schon im Original mit schroffen Freejazz-Passagen, in einer kongenialen Bearbeitung von Cellist Lukas Lauermann, entsprechend eisig gesungen von Mira Lu Kovacs, eingeleitet durch eine Collage von Sprachsamples des Bundeskanzlers Sebastian Kurz, die sich zu Sätzen wie „Das Ermittlungsverfahren wird geil werden“ fügten. Auch nicht gerade fröhlich: eine triste Bearbeitung von „Gretchen am Spinnrad“ und, wohl pandemiebedingt, „Der liebe Augustin“, gravitätisch interpretiert von den Strottern.

Trauermarsch. Dazwischen mit Wiener Melancholie interpretierter Tango und viel harscher Jazz, oft dominiert von der Ziehharmonika, oft im rhythmischen Duktus eines Trauermarsches. Berührend: eine vielstimmige Bearbeitung von Enyas „Only Time“.

Melancholischer ging es nicht mehr. Düsterer aber schon. Mit Soap and Skin, der österreichischen Meisterin der Düsterkeit: Sie sang, entschlossen dirigierend, umhüllt von der Aura tiefsten tragischen Ernstes, ihre Stücke „Sugarbread“ (mit der Chorpassage „Lux perpetua luceat eis“) und „Marche funebre“ (in dem „bad weeds“ alles überwuchern), dazu wälzten sich nackte Tänzerinnen über Autos, teilweise zerstört, liefen auf Laufbändern, ritten auf einem Stier. Ein beeindruckendes, ein wenig an eine Inszenierung von Romeo Castellucci erinnerndes Szenario, das in Kämpfen der Nackten gipfelte, die einander schlugen, bis Blut floss, das die Leinwände rot färbte.

Inszeniert hat diesen „Festzug“ die österreichische Choreografin Florentina Holzinger, laut Festwochen sollte er an den 1929 zur Würdigung der Handwerkskunst auf der Ringstraße vom Tanzpionier Rudolf von Laban inszenierten „Festzug der Gewerbe“ erinnern. Das sah man nicht, wie man überhaupt in der TV-Übertragung – bei der die Kameras typischerweise zu selten die Totale einfingen – zu wenig mitbekam von diesem verstörenden Spektakel, das so archaisch wie endzeitlich wirkte: ein niederschmetterndes Finale eines melancholischen Abends. Nach dieser Katharsis kann das Fest, kann die Kunst nur heiterer werden, oder?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2021)