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Interview: Warum Facebook wieder verschwinden wird

Interview Warum Facebook wahrscheinlich
(c) Twentytwenty
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Der Medientheoretiker Geert Lovink kommt am Mittwoch nach Wien und sprach vorab mit DiePresse.com über das Leben mit und nach Facebook und darüber, dass Datenschutz nicht gottgegeben ist.

DiePresse.com: Sie haben Ihren Facebook-Account anlässlich der Aktion "Quit Facebook Day" gelöscht. Was hatten Sie für Gründe?

Geert Lovink: Ich war gar nicht so sehr über Datenschutz besorgt. Ich habe Facebook eher in zynischer Weise genutzt, als Marketing-Instrument. So sollte man natürlich Social Networks nicht nutzen. Jedenfalls hatte ich schnell mehr als 2000 "Freunde" und Facebook wurde zu einer sehr zeitaufwändigen Sache. Ich hatte das Gefühl, eine Maschine zu füttern. Abgesehen davon war ich schon sehr neugierig auf die aufkommenden dezentralen Alternativen wie Diaspora, GNUSocial, Appleseed und Cabgrass.

Geert Lovink

Geert Lovink ist ein niederländisch-australischer Medienwissenschafter und Netzaktivist. Er wurde an der Universität Melbourne mit der Arbeit „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ promoviert. Lovink ist Dozent für Neue Medien an der Universität von Amsterdam und Gründungsdirektor des medientheoretischen Institute of network cultures.



Haben Alternativen wie Diaspora überhaupt eine Chance gegen Facebook?

Lovink: Viele Menschen fühlen sich unwohl dabei, private Informationen mit einer gigantischen Seite mit einer halben Milliarde Nutzer zu teilen. Soziale Netzwerke sind per Definition eher kleine Einheiten. Wir kennen die Zahlen. Die maximale Größe liegt bei 150 Personen. Ein einzelner kann mit einem Netzwerk aus 70 aktiven Mitgliedern gut umgehen. Wir sind alle gelangweilt von der Idee von "Freunden", einer zutiefst amerikanischen Idee. Wir sind ganz einfach nicht alle Freunde. Wir sind Liebende, Kollegen, Familie, Feinde, Unbekannte. Die Welt der sozialen Beziehungen ist kompliziert und das lässt sich auf Facebook nicht abbilden.

Ob Diaspora das können wird, ist eigentlich nicht wichtig. Zerfall und Zersplitterung sind im Internet natürliche Prozesse. Das Internet ist noch immer in einem revolutionären Stadium. Plattformen wechseln und ändern sich ständig. Erinnern Sie sich an Friendster, Orkut, MySpace? Man braucht keine Weltuntergangszenarien, um an die Stagnation oder das Verschwinden von Facebook zu glauben. Dezentrale, autonome Social Networks sind die Zukunft. Das ist kein bisschen absurd. Vergleichbar etwa die Entwicklung von blogger.com zu dem dezentralen Wordpress und heute wieder zurück zu einem zentralisierten Tumblr. Diese Dinge kommen und gehen. Die nächste Welle bringt vermutlich ein dezentralisiertes Twitter.

Warum gibt es so oft Probleme im Zusammenhang mit dem Teilen persönlicher Informationen im Internet?

Lovink: Es gibt keine Probleme, solange das Teilen nach Vereinbarung zwischen zwei Beteiligten stattfindet und kein Dritter als "Parasit" daran teil hat. Das Internet macht es durchaus möglich, eigene Einstellungen vorzunehmen. Ich weiß, das ist nicht gottgegeben, aber man kann sich als Nutzer darum kümmern. Das ist etwa nicht der Fall in Diktaturen und autoritären Staaten. Es gibt also kein "natürliches Gesetz", das festlegt, dass Unternehmen wie Google oder Facebook so groß sein müssen. Nutzer kommen auch gut ohne sie aus und die Geschäftswelt weiß das. Das ist der Grund, warum uns diese Themen immer wieder beschäftigen - und warum wir immer wieder mit diesen schicken "kostenlosen" Diensten gelockt werden.

Veranstaltungs-Tipp

Am Mittwoch hält Geert Lovink im ORF KulturCafe einen Vortrag zum Thema "Die ungeteilte Online-Identität. Die Veranstaltung "Ich 2.0" ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe "twenty.twenty", die sich mit der Zukunft bis 2020 im breitesten Sinne befassen will. Dazu gehören in Folge auch Themen wie Bildung, Arbeit und Umwelt.



Was halten Sie von der Idee, Daten mit einem Ablaufdatum zu versehen?

Lovink: Ich habe Victor Mayer-Schönbergers Buch "Delete" gelesen, in dem das vorgeschlagen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass es als zusätzliche Option angeboten wird, wenn man eine Datei erstellt oder speichert. Ich bin aber nicht für die Einführung als Standard.

Was bedeutet der "real time"-Trend für Nachrichten und Kommunikation?

Lovink: Sehr viel. Wir haben schon vor 20 bis 30 Jahren gedacht, dass wir mit CNN, Handys und dem aufkommenden Internet in einer globalen "real time"-Gesellschaft leben. Heute aber ist das Teil des Alltags. Es ist in den Browser integriert. Sie schauen auf eine Homepage und sie wird währenddessen aktualisiert. Sie suchen nach etwas und die Ergebnisse ändern sich mit jeder Eingabe.

Ist Social Media die Zukunft des Internets, oder ein vorübergehender Trend?

Lovink: Social Media ist bloß das neueste Schlagwort der IT-Berater und Internet-Gurus. Diese Zukunft ist eine kollektive Idee von Marketing-Abteilungen - aus diesen Kreisen kommen selten überraschende Szenarios. Für Kinder ist das Internet heute langweilig. Warum sollten sie die Gadgets ihrer Eltern annehmen? Ich betrachte die Zukunft gerne als einen LKW, der unvermittelt in Ihr Vorzimmer rast; als etwas, das sehr überraschend kommt. Ich weiß, das ist in den Szenarios der großen Unternehmen bereits enthalten. Wir denken einfach nicht oft genug an die unmöglichen Wege, die die Menschheit manchmal einschlägt.