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Waldforschung

Geschlechtergerechtigkeit ist gut für die Holzwirtschaft

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19 Prozent der Mitarbeiter in der heimischen Holzwertschöpfungskette sind Frauen. In Führungspositionen ist der Anteil noch niedriger. (Symbolbild)(c) imago/robertharding (imago stock&people)
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Warum gelten die Wald- und Holzbranchen als archaische, männerdominierte Systeme? Studien zeigen, dass ein Öffnen für mehr Frauen in den Berufen gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile bringt. Bisher schaffen es nur harte Kämpferinnen in die Führungspositionen.

Der Förster, der Jäger, der Waldbesitzer und der Sägewerksleiter. In den Branchen rund um Wald und Holzproduktion stimmt es meist, wenn man bei den Bezeichnungen auf die rein männliche Wortwahl setzt. Denn Försterinnen, Jägerinnen oder Sägewerksleiterinnen sind rar in Österreich. „Nur bei den Waldbesitzerinnen ist das anders. Da steigt die Zahl bereits, was hauptsächlich durch Erbschaften zu erklären ist“, sagt Alice Ludvig vom Institut für Wald, Umwelt und Ressourcenpolitik der Boku Wien. 31 Prozent der Menschen, die in Österreich Wald besitzen, sind weiblich. Ludvig leitet nun das vom Landwirtschaftsministerium geförderte Projekt „Die Auswirkung von Gender Balance auf die Wertschöpfungskette Holz: Frauen in Führung und Management“.

Dabei ist ihr wichtig zu betonen, dass es dabei keinesfalls um die typischen Mann-Frau-Unterschiede geht. „Ich will ja nicht wissen, ob Frauen die besseren Försterinnen sind. Es geht um eine viel ganzheitlichere Sicht“, sagt Ludvig, die nun ausführliche Interviews führt mit den Frauen, die in Österreich in der Holzwirtschaft arbeiten. „Wir haben an der Boku in dem Studium der Forstwirtschaft auch circa 35 Prozent Absolventinnen: Aber wo gehen die hin, wo ist die gläserne Decke, und warum schaffen es nicht mehr davon in Führungspositionen?“, fragt die Sozialwissenschaftlerin, die seit neun Jahren an der Boku forscht. Aus der Erfahrung in anderen Branchen weiß man, dass eine Steigerung der Diversität und ein Zulassen von neuem Input auch für die wirtschaftliche Entwicklung positiv sind. Im Holzsektor ist das aber noch nicht genauer untersucht. Ludvig legt nun mit der Studie den Grundstein, um traditionelle Strukturen zu hinterfragen und aufzulockern.

„Kennen Sie ,shrink it and pink it‘?“, fragt Ludvig. Nach diesem Motto werden viele Produkte an die vermeintlichen Bedürfnisse von Frauen angepasst, also kleiner oder leichter gebaut und in Pink angeboten. „Die Autoindustrie macht das oft, eigene Autotypen für Frauen zu entwickeln. Aber das ist genau das Gegenteil von dem, was wir hier wollen“, sagt Ludvig.

 

Wir brauchen keine „pinke Motorsäge“

Denn „eine leichte und rosarote Motorsäge“ würde niemandem etwas bringen. „Die moderne Holzwirtschaft ist nicht mehr so auf die körperliche, schwere Arbeit ausgelegt. Das heißt, von den biologischen Voraussetzungen haben Frauen ja keine Nachteile in dieser Branche. Aber trotzdem ist das Feld weiterhin so stark männerdominiert“, sagt Ludvig. Bei den Angestellten in der Holzbranche sind etwa 19 Prozent weiblich.

„Das ist schon wenig. Aber in Führungspositionen kann man die Frauen dann an nur einer Hand abzählen“, weiß sie. Über Waldverbände, die Arbeitsgemeinschaft ProHolz und Mundpropaganda findet Ludvig nun mögliche Interviewpartnerinnen wie Sägewerksleiterinnen, Chefinnen von Biomassekraftwerken oder Managerinnen in der Papier- und Pappeproduktion.

Nach ersten Analysen der Gespräche, die vollständig anonymisiert sind, weiß sie: „Das sind alles sehr starke, toughe und charismatische Frauen, die viel geleistet haben im Leben.“ Die Frage ist aber: Was ist mit all den anderen Frauen, die nicht so kämpferisch veranlagt sind? „Da ist eine große Gruppe Menschen nicht repräsentiert in der Wertschöpfungskette Wald“, betont Ludvig, die das ändern und durch ein Öffnen auch die Resilienz des Systems stärken will. „Es geht nicht nur darum, dass weibliche Waldbesitzerinnen vielleicht mehr Wert auf Artenvielfalt als auf schnelle ökonomische Erfolge legen. Es geht um Inklusion, Chancen und Repräsentation. Weg von Geschlechterlinien und den Zuschreibungen, was Männer oder Frauen besser können.“

In einem weiteren Projekt, das Ludvig gerade beim Wissenschaftsfonds FWF beantragt, geht sie auch in Richtung „De-Gendering“, das ist das Loslösen von Normvorstellungen. Immerhin hatte ein Lehrer bei Ludvigs Matura durch eine Bemerkung ihren Ehrgeiz geweckt, traditionelle Normen aufzubrechen. „Der hat zu mir gesagt: ,Versprich mir, nichts mit Technik zu machen.‘ Damit hätte er mir die Chance auf viele gut bezahlte Arbeitsplätze verwehrt“, schüttelt Ludvig heute noch den Kopf.

IN ZAHLEN

19 Prozent der Mitarbeiter in der heimischen Holzwertschöpfungskette sind Frauen. In Führungspositionen ist der Anteil noch niedriger. Bei den Studierenden der Forstwirtschaft sind derzeit etwa 35 Prozent weiblich.

1892 wurde der Internationale Verband Forstlicher Forschungsorganisationen, IUFRO (International Union of Forest Research Organizations), gegründet, eines der weltweit ältesten Wissenschaftsnetzwerke. Der Sitz des Verbandes (15.000 Mitglieder) ist in Wien. Seit 2019 arbeitet Alice Ludvig im Bereich Gender Equality.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2021)