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Kommentar

Die bittersüße Normalität

PK NACH CORONAGIPFEL: KURZ / KOGLER / WAGNER
Zuletzt war es zumeist Oswald Wagner, Vize-Rektor der Med-Uni Wien, der an der Seite der Regierungsspitze die Bevölkerung über neue Erkenntnisse aufklärte.APA/GEORG HOCHMUTH
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Die Pandemie wird verschwinden. Mit ihr ein paar Gesichter, die uns seit eineinhalb Jahren durch die Krise begleiten.

Es gibt da diese Szene im Film „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Als Hazels Mutter glaubt, ihre Tochter stirbt, fällt sie ihrem Mann in die Arme und sagt vollkommen aufgelöst: „Nein . . . ich werde keine Mutter mehr sein.“ Ihr krebskrankes Kind zu betreuen ist einfach alles für sie – ihre Sehnsucht, ihre Leidenschaft, ihre Liebe. Sie schöpft Kraft und gewissermaßen auch Lebensfreude aus einer Tragödie. Warum auch nicht, denn was ist die Alternative? Sich gehen zu lassen und keine Stütze für ihre Familie zu sein? Kein Anker?

Ob solche Gedanken manchmal auch die Gesundheitsexperten haben, die zu den Gesichtern der Pandemie und den Medienstars der vergangenen eineinhalb Jahre wurden? Fürchten sie sich vor ihrem bevorstehenden Bedeutungsverlust? Immerhin haben sie beinahe wöchentlich vor einem Millionenpublikum erklärt, eingeordnet, gewarnt, beruhigt und prognostiziert. Ihre Einschätzungen waren die Grundlage für sämtliche Entscheidungen. Sie wurden landesweit zu A-Promis.

Mit dem Ende der Krise wird ihre Bekanntheit wieder abnehmen. Keine Titelseiten von Zeitungen mehr, keine Auftritte in den Hauptnachrichten, keine Pressekonferenzen an der Seite der Staatsspitze, kein Erkannt-Werden im Supermarkt. Natürlich freuen bestimmt auch sie sich auf mehr Lebensqualität. Aber der schleichende Abschied von Ruhm ist ein Gefühl, an das sich noch jeder gewöhnen musste. Gebraucht, bewundert und hofiert zu werden gehört trotz aller Schattenseiten zu den süßeren Verlockungen unseres irdischen Daseins.

Hoffentlich fällt ihnen ihre persönliche Rückkehr zur Normalität nicht zu schwer. Falls doch, hilft es vielleicht, sich vor Augen zu führen, dass sie es waren, die die Bevölkerung durch die Pandemie führten und dabei in Kauf nahmen, beleidigt, beschimpft und bedroht zu werden. Dass sie ihre Arbeit, Familie und Hobbys vernachlässigt haben, um ständig erreichbar zu sein – ohne auch nur einen einzigen Cent zusätzlich zu verdienen.

So werden sie in Erinnerung bleiben. Als Front-Runner. Als die Feuerwehrleute, die in ein brennendes Gebäude rennen, während alle anderen hinauslaufen.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com