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Der ökonomische Blick

Kann das Virus-Risiko durch Wildtierhandel reguliert werden?

Archivbild aus dem Jahr 2020: Auf einem Markt in China werden Fledermäuse verkauft.
Archivbild aus dem Jahr 2020: Auf einem Markt in China werden Fledermäuse verkauft.APA/AFP/RONNY ADOLOF BUOL
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75 Prozent aller neu aufkommenden Infektionskrankheiten, darunter auch Covid-19, sind Zoonosen. Ein großes Risiko geht dabei vom Handel mit Wildtieren aus. Ein generelles Importverbot ist allerdings ebenfalls riskant.

In den letzten Jahrzehnten haben die zunehmende Kommerzialisierung von Wildtieren, sowie engmaschigere Handelsnetzwerke, die weltweite Verbreitung von Wildtieren drastisch beschleunigt. Abnehmer von Wildtieren sind unter anderem die medizinische Forschung, die Kosmetikindustrie, Zoos und Ausstellungen als auch Privatpersonen. Diese Entwicklung hat eine Situation geschaffen, in der auch das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Verbreitung von Zoonosen historisch beispiellos sind. Zoonosen sind Erkrankungen, welche von Tieren auf Menschen übertragen werden. Diese Trends im internationalen Wildtierhandel stellen ein zunehmendes Risiko für die menschliche Gesundheit und eine Herausforderung für den Schutz der öffentlichen Gesundheit dar.

75 Prozent aller neu aufkommenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen. HIV, SARS und Covid-19 sind prominente Beispiele. Die Übertragung wird durch Verhaltensweisen ermöglicht, die den Menschen in direkten oder indirekten Kontakt mit Tieren und tierischen Produkten bringen – der Handel mit Wildtieren ist eine davon.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Wie kann man am besten auf dieses Risiko reagieren? Auf staatlicher Ebene werden üblicherweise Importvorschriften für potentiell infizierte Arten eingeführt. Damit kann man das Risiko von Zoonosen, welche durch intensiven Tier- und Tierproduktehandel begünstigt werden, verringern. Beispielhaft für diese Handelspolitik sei hier das Importverbot für Wildvögel erwähnt, welches die Europäische Union im Jahr 2005 zur Verhinderung der Ausbreitung der Vogelgrippe verhängte.

Importverbote sind reaktive Regulierungsinitiativen. Sie werden erst dann angewendet, wenn es um die Eindämmung von bereits etablierten Zoonosen geht. Darüber hinaus werden Importverbote oft unilateral, d.h., einseitig, entschieden. Das Problematische an unilateralen Regulierungsmaßnahmen ist, dass durch die Schließung einer Handelsroute die Verbreitung des Erkrankungsrisikos nur lokal und kurzfristig unterbunden werden kann. Einzelne nationale Maßnahmen sind nämlich gefährdet, durch (Nicht)-Regulierungen in anderen Ländern unterwandert zu werden. So können nationale Importbeschränkungen den Anreiz schaffen, neue Handelswege zu suchen und einzuschlagen, wodurch mit Krankheitserregern infizierte Tiere in andere Regionen weiterverbreitet werden.

Gesucht und gebraucht werden vorbeugende, international koordinierte und global umgesetzte Maßnahmen zur Eindämmung des Risikos von Zoonosen. Der weltweite Handel mit Wildtieren wird zurzeit von einem weitreichenden multilateralen Abkommen reguliert – dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen. Der Fokus dieses Abkommens liegt in der Arterhaltung und in einem nachhaltigen, internationalen Handel mit den in ihren Anhängen gelisteten Tieren und Pflanzen. Über das Risiko der weltweiten Verbreitung von Zoonosen ist im Text des Abkommens nichts zu lesen. Warum auch?

In unserer aktuellen Studie zeigen wir, dass das Washingtoner Artenschutzübereinkommen in den letzten Jahren nicht nur zu einer Reduktion des Handels mit gefährdeten Wildtieren geführt hat, sondern auch die Verteilung potentieller Zoonosen signifikant eingeschränkt hat. Dieser Effekt war nicht beabsichtigt, da die Regulation von Zoonosen nie Mandat des Übereinkommens war. Glücklicherweise beschränkte das Abkommen den Handel mit genau den Wildtieren, die ein erhöhtes Potential haben, Träger von Zoonosen zu sein.

Internationale Abkommen erfolgreich

Die Auswirkung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens zeigt: Internationale Abkommen können das Risiko der weltweiten Verbreitung von Zoonosen regulieren. Und das relativ einfach: Durch eine Verringerung der Anzahl an gehandelten Tieren verringert man die Anzahl an möglichen Kontaktpunkten zwischen Mensch und Tier und damit auch das Risiko einer Zoonose. Diese Option wurde auch Anfang Mai von den Mitgliedsstaaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens aufgegriffen. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe setzt sich nun mit der Rolle des Artenschutzübereinkommens bei der Verringerung des Risikos zukünftiger Zoonosen auseinander.

Dazu noch ein Gedanke: Ein generelles Importverbot von Wildtieren trägt ein erhebliches Risiko, durch Korruption und illegale Aktivitäten unterlaufen zu werden. Aus diesem Grund sollte in der Umgestaltung einer Handelsregulation tunlichst darauf Bedacht genommen werden, diese geografisch zielgerichtet und dem Zoonose-Risiko entsprechend auszugestalten.

Ein Aspekt wurde in dieser bisherigen Diskussion noch nicht eingebracht, nämlich, dass ein Handel ohne entsprechende Nachfrage seitens der Konsumenten gar nicht stattfinden würde. Der Wunsch der Endverbraucher spielt eine entscheidende Rolle, wie viele Wildtiere und auf welche Weise diese oder Teile von diesen weltweit transportiert werden. Um eine verantwortungsvolle Entscheidung der Konsumenten zu ermöglichen, ist Transparenz über das Zoonose-Risiko der gesamten Lieferkette der konsumierten Güter essentiell. Vielleicht kann man ja hier ein wenig von den zahlreichen Ökolabels lernen …

Der Autoren

Stefan Borsky ist Assistenz-Professor am Wegener Center für Klima und Global Wandels der Universität Graz. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen zur Umwelt- und Ressourcennutzung und Klimawandel.

Andrea Leiter arbeitet als assoziierte Professorin an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit Themen im Bereich der Umwelt- und Außenhandelsökonomie.

Keith Williges ist Dissertant in Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Er forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel zum Übergang zu einer klimafreundlichen Volkswirtschaft und Methoden zur Verteilung der Treibhausgasemissions-Budgets zur Erreichung der Klimaziele.

Hannah Hennighausen ist PostDoc an der Universität Alaska-Anchorage. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Naturgefahrenmanagement und Umweltökonomik.

Stefan Borsky, Andrea Leiter, Keith Williges, Hannah Hennighausen,

Referenzen:

Borsky, S., Hennighausen, H., Leiter, A. und Williges, K. (2020). CITES and the Zoonotic Disease Content in International Wildlife Trade, Environmental and Resource Economics 76: 1001-1017, doi: doi.org/10.1007/s10640-020-00456-7.

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