Abenteuerlich

Nachtreise mit Messer und Fußtritt

Wer nächtens reist – egal, ob mit dem Auto, Flieger oder Zug –, kann so einiges erleben. Und erzählen.

Der Tag ist das Synonym für Arbeit. Als Reisende in der Fremde inte­ressiert uns daher die Nacht oftmals mehr als der Tag. Ich hab es ja leicht. Für mich herrscht Nacht, sobald ich die Augen schließe. Kaum sitze ich in einem Flugzeug, fallen mir die Augen zu, ich versäume den Start, versinke in meiner privaten Nacht. Diese Fähigkeit, ideal für den reisenden Beruf, bringt Nachteile mit sich: Auch längere Busfahrten durchstehe ich nicht im Wachzustand. Einmal verschlief ich sämtliche Fjorde zwischen Narvik und Oslo – das ärgert mich noch heute. An jenem 22. Juni hatte ich in der Vornacht die Mitternachtssonne genossen, ein erdkundlich interessantes, aber letztlich betrübliches Schauspiel, denn worauf wartet man eigentlich? In anderen Weltgegenden wird es rascher dunkel, als man ein Einreiseformular ausfüllen kann. Nehmen wir äquatoriale Gebiete, in denen die Sonne mit der Entschlossenheit eines Lichtschalterab- und -anknipsers um 18 Uhr verschwindet und um sechs Uhr wieder aufpoppt. Abendstimmungen fallen in dieser enttäuschenden Versuchsanordnung unter den Tisch, die heißen Nächte vermitteln den Charme einer Höhlenexpedition. Dafür schwirren Insektengeschwader heran, verstörende Geräusche ausstoßend, um einen mit Haut und Haar zu verspeisen.

Liege- oder Sitzreise. Im 20. Jahrhundert war die Nacht noch verrucht. Epochale Autoren evozierten sie in Buchtiteln, „Reise ans Ende der Nacht“, Céline, der es metaphorisch meinte, aber trotzdem eine Art Reisebuch schrieb, „Die Nacht von Lissabon“, Remarque, der schon konkreter wurde. Welch unbequeme Trips abseits des Tourismus! Komfortable Nachtreisen sind für Normalschläfer hauptsächlich auf Schiffen oder in Zügen vorstellbar. Nächte im Auto oder im Flugzeug übersteht die Mehrheit nur unter teilweiser Aufgabe des eigenen Selbst. Wir ziehen die Liegereise den Sitzreisen vor, wobei im Auto die Nacht selbst als Transportmittel zu fungieren scheint und leider, vor allem bei Übermüdung, die Gestalt eines einfachen, aber gefährlichen Computerspiels annimmt. Im Flugzeug verhält sie sich deutlich abstrakter, sie zeigt sich als bedrohlich leerer Raum.


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.