Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der ökonomische Blick

Bürgerinnen und Bürger sollen mehr über den Staat erfahren

Registerdaten decken zumeist die gesamte Bevölkerung ab.
Registerdaten decken zumeist die gesamte Bevölkerung ab.REUTERS
  • Drucken

Der Zugang zu den Registerdaten ist in den nordischen Ländern schon lange Teil der politischen Kultur. In Österreich gibt es bei der Registerforschung noch viel Luft nach oben.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

In der Wissenschaftsgemeinde ist es hinlänglich bekannt, dass es in den nordischen Ländern den besten Zugang zu Daten gibt. Erstaunlicherweise resultiert dieser jedoch nicht auf Drängen der Forscherinnen und Forscher.

Claus Thustrup Kreiner (Universität Kopenhagen), erklärt, dass politische Entscheidungsträger in Dänemark ihren bestmöglichen Job machen wollen, und daher dafür Sorge tragen, dass Daten mit maximaler Qualität zur Verfügung stehen. Öffentliche und privaten Institutionen haben über „Danmarks Statistik" einen sicheren und geregelten Zugang zu sämtlichen Daten, die der Staat erhebt. Damit wird in den unterschiedlichsten akademischen Disziplinen auf höchsten Niveau geforscht und vor allem auch nationale Politikmaßnahmen evaluiert.

Claus Thustrup Kreiner: „Politische EntscheidungsträgerInnen in Dänemark möchten den bestmöglichen Job machen, und deshalb möchten sie, dass diese Daten von hoher Qualität sind.“ 
Claus Thustrup Kreiner: „Politische EntscheidungsträgerInnen in Dänemark möchten den bestmöglichen Job machen, und deshalb möchten sie, dass diese Daten von hoher Qualität sind.“ 

Ein ähnliches Bild skizziert Kjell G. Salvanes (Norwegian School of Economics), einer der Pioniere der sogenannten Registerforschung, für Norwegen. Er beschreibt einen politische Prozess in dem die Politik aktiv an die Wissenschaft mit konkreten Fragestellungen herantritt. Es werden Expertengruppen gemeinsam mit den Ministerien gebildet. Zuerst bespricht man vorhandene Evidenz und dann werden weitere empirische Analysen koordiniert. „Statistisk sentralbyrå" stellt dafür ihre exzellente Datenbasis bereit.

Kjell G. Salvanes: „Das Ministerium stellt eine Gruppe interner und externer Experte zusammen, die auf der Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse einen Bericht verfassen.“
Kjell G. Salvanes: „Das Ministerium stellt eine Gruppe interner und externer Experte zusammen, die auf der Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse einen Bericht verfassen.“(c) Hallvard Lyssand

Dan-Olof Rooth von der Universität Stockholm erläutert, dass der Zugang zu Daten in Schweden aus dem Grundsatz der Transparenz und effizienten Umgang mit Steuermitteln herrührt. Die Steuern sind hoch und den Politikerinnen und Politikern ist es bewusst, dass sie im Gegenzug mit den Mitteln die bestmögliche Politik machen müssen.

Dan-Olof Rooth: “Schweden hat die höchsten Steuersätze in Europa. Die BürgerInnen erhalten im Gegenzug sehr viel zurück. Aber wir müssen verfolgen können, was die Regierung mit den Steuereinnahmen tut“.
Dan-Olof Rooth: “Schweden hat die höchsten Steuersätze in Europa. Die BürgerInnen erhalten im Gegenzug sehr viel zurück. Aber wir müssen verfolgen können, was die Regierung mit den Steuereinnahmen tut“.

Es scheint im Norden der Grundsatz der Evidenz-basierten Politik tatsächlich gelebt zu werden. Der langjährige Zugang zu den Registerdaten ist somit eine Konsequenz einer politischen Kultur.

Datenzugang als ein Grundprinzip der Demokratie

Der gemeinsame Ursprung dieser Kultur ist ein Grundprinzip der nordischen Demokratie, welches den Staat zu Offenheit und Transparenz verpflichtet. Daraus folgt die Notwendigkeit, dass alle Maßnahmen der Regierungsbehörden auch evaluiert werden können. Dazu braucht es entsprechende Registerdaten. In den nordischen Ländern gibt es schon lange nationale Gesetze die garantieren, dass Daten die ursprünglich zu Verwaltungszwecken erhoben wurden, für die wissenschaftliche Forschung verfügbar sein sollen. Dieser Grundsatz ist auch in der EU-Datenschutzrichtlinie enthalten, die die Verknüpfung von Daten in Verwaltungsakten zu statistischen Zwecken zulässt, da dies nicht als Gefährdung der Privatsphäre oder der Rechte des Einzelnen angesehen wird.

Wichtig ist anzumerken, dass in allen nordischen Staaten hier der Grundsatz verfolgt wird, dass der Informationsfluss von den Verwaltungsbehörden zu den statistischen Ämtern erfolgt—und niemals umgekehrt. Die Bürgerinnen und Bürger sollen mehr über den Staat erfahren als dieser über sie.

Warum sind Registerdaten so wertvoll für die Forschung und Gesellschaft

Registerdaten haben eine Reihe von Eigenschaften, die sie für den Erkenntnisgewinn so wertvoll machen. Zumeist decken diese Daten die gesamte Bevölkerung ab. Statistische Auswertungen leiden daher nicht unter stichprobenbasierten Unsicherheiten. Der große Datenumfang erlaubt es selbst seltene — aber wichtige — Ereignisse zu untersuchen und sich etwa auf kleine Teilpopulationen (wie etwa Personen mit seltenen Krankheiten) zu konzentrieren. Der Umfang ermöglicht auch aussagekräftige Analyse von Heterogenität (d.h. Gruppenvergleichen). Diese Daten sind in der Regel von hoher Qualität. Es gibt keine oder nur wenige Probleme mit fehlenden Daten oder sogenannter Panelsterblichkeit. Im Vergleich zu Befragungsdaten stellen falsche oder fehlenden Antworten kein Problem dar und es gibt weniger Messfehler. Die Längsschnittstruktur der Registerdaten ermöglicht es, langfristige Ergebnisse und generationsübergreifende Aspekte zu untersuchen. Schließlich vergrößert die Verbindungsmöglichkeiten über verschiedene Verwaltungsbereiche hinweg (z. B. Arbeitsmarktaktivitäten mit der Inanspruchnahme des Gesundheitswesens), den Spielraum für überprüfbare Hypothesen und ermöglicht die Analyse verschiedener Peer-Group-Aspekte. In jüngster Zeit ist es einigen Forschern sogar gelungen, Verwaltungsdaten länderübergreifend zu verknüpfen.

Austrian Micro Data Center

Die österreichische Regierung arbeitet derzeit an der legistischen Umsetzung eines sogenannten „Austrian Micro Data Center“, in dem Registerdaten kombiniert und analysiert werden können, die bis dato für die Wissenschaft verschlossen waren. Ähnlich der Situation in den nordischen Ländern, sollen „sämtliche Verzeichnisse, Datenbanken oder ähnliche Anwendungen oder Verarbeitungsplattformen“ bei der Statistik Austria gebündelt werden und dann den Forscherinnen und Forschern Zugang zu diesen ermöglichen Diese Initiative ist aus Sicht der Wissenschaftsgemeinde und den Anhängern eine Evidenz-basierten Politik klar zu begrüßen. Für eine erfolgreiche Umsetzung des AMDC sind aber eine Reihe von Aspekten noch zu klären:

  • Erstens, braucht es eine entsprechen finanzielle Ausstattung, die es ermöglicht kostengünstig im AMDC zu arbeiten.
  • Zweitens, muss eine Governance-Struktur geschaffen werden, welche auch die nationale Wissenschaftsgemeinde einbindet.
  • Drittens, braucht es den gelebten Mut und Willen der Politik sowie der Behörden diesen Kulturwandel hin zu der Offenheit und Transparenz zu vollziehen.

Der Autor

Martin Halla ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein primäres Forschungsgebiet ist die angewandte Mikroökonometrie in den Bereichen Arbeit, Familie und Gesundheit.

Martin Halla
Martin HallaPrivat

 

Mehr erfahren

Der ökonomische Blick

It’s Baaack: Die Inflation ist zurück

Der ökonomische Blick

Klimaneutralität ist eine Chance für Europa

Der ökonomische Blick

Wie sich die Uni-Reform auf Nachwuchswissenschaftler auswirkt

Der ökonomische Blick

Die fragwürdige Verwendung der Arbeitslosenversicherung

Der ökonomische Blick

Große Transformation, auf die wir uns freuen können

Der ökonomische Blick

Die Zahlen steigen wieder: Eine Zwischenbilanz

Der ökonomische Blick

Die globale Mindeststeuer

Der ökonomische Blick

So alt wie das Wirtschaftsleben: Ein Abriss der Spekulation