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Gestaltung

Fassaden: "Bunte Farben sind eher kein Thema in Wien"

Kunst an der Wand: Die „Mauerschau“ zeigt alte Neonschriften am Ludwig-Hirsch-Platz in Wien 2.
Kunst an der Wand: Die „Mauerschau“ zeigt alte Neonschriften am Ludwig-Hirsch-Platz in Wien 2.[ stadtschrift.at ]
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Wie viel Farbe ist wo erlaubt, was ist klimatisch sinnvoll – und wann können Nachbarn sich beschweren?

Wien ist anders: Während in einigen deutschen Großstädten seit Neuestem großflächige bunte Bilder die Fassaden einst grauer Mietskasernen verschönern, geht der Trend an der Donau eher zu dezenten, hellen Tönen. Und bleibt damit aus gutem Grund einer Tradition treu, die schon zu Kaisers Zeiten das Stadtbild geprägt hat.

Hell für das Klima

Einem Bericht der „Süddeutschen“ zufolge sorgen die großflächigen Bilder in Berlin, Hannover oder Halle, die in Projekten von Künstlern gemeinsam mit den Anwohnern entworfen wurden, nicht nur für Farbe am Bau, sondern steigern auch die Zufriedenheit der Mieter und machen Eigentumswohnungen leichter verkäuflich. Aber in Wien setzt man bei Neubauprojekten derzeit auf ein anderes, mindestens ebenso wichtiges Thema: den Klimaschutz. „Bunte Farben sind eher kein Thema in Wien. Hier geht es bei den Fassaden um das Stadtklima; um die Frage, wie wir es schaffen, Überhitzungen wegzubekommen“, erklärt Regina Freimüller-Söllinger, Architektin und Vorsitzende des Qualitätssicherungsbeirats für das Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof. Weshalb sich bei neuen Projekten sowohl im städtebaulichen Leitbild als auch in den Klimavorgaben der Stadt helle Farben für die Fassaden, aber auch Dächer finden. „Dunkle Farben speichern die Hitze, und mit den hellen Farben wollen wir sicherstellen, dass so wenig wie möglich gespeichert wird“, sagt Freimüller-Söllinger. Darüber hinaus seien Begrünungen ein wichtiges Thema, wenn es um die Fassaden bei Neubauprojekten in der Stadt geht.

"Dunkle Farben speichern die Hitze, und mit den hellen Farben wollen wir sicherstellen, dass so wenig wie möglich gespeichert wird.", sagt Freimüller-Söllinger.

Regina Freimüller-Söllinger, Architektin.

Verboten im eigentlichen Sinne sind bunte Fassaden allerdings nicht – zumindest nicht bei Neubauten, wie Irene Lundström, Dezernatsleiterin Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien, erklärt. „Grundsätzlich sind Farbgebungen außerhalb von Schutzzonen bewilligungsfrei. In Schutzzonen reden wir dann aber mit.“ Und das kann für gar zu bunte Bauprojekte auch das Aus bedeuten. Denn bei historischen Gebäuden sind eher sandfarbene Töne angesagt, die ins Stadtbild passen und der Tradition gerecht werden. Welche Farben das genau sind, hängt vom Einzelfall ab. „Oft wird etwas Farbe von der Fassade abgekratzt, und wenn man darunter eine Farbe findet, geht man davon aus, das dies die ursprüngliche war“, so Lundström. Die Tatsache, dass es sich dabei so häufig um sandfarbene Töne handelt, sei der Tatsache geschuldet, dass früher oft die Sandpigmente vom Sandhaufen hinter dem Haus genutzt wurden, so die Expertin.

Gutachten bei Streitfragen

Was allerdings nicht bedeutet, dass es nicht auch Ausnahmen gibt. „Wir hatten einen Fall, in dem ein Eigentümer nachweisen konnte, dass es den Grünton seines Hauses in der Gründerzeit gegeben hatte, und dessen Fassade durfte dann so bleiben“, berichtet die Dezernatsleiterin, zu deren Aufgaben auch die Begutachtung von Streitfällen gehört. Die meist von den Nachbarn initiiert werden. „Auf deren Anrufe ist Verlass“, lacht Lundström, „aber das ist auch verständlich, weil die Nachbarn schließlich den ganzen Tag darauf schauen müssen.“

"Dunkle Farben speichern die Hitze, und mit den hellen Farben wollen wir sicherstellen, dass so wenig wie möglich gespeichert wird.", sagt Freimüller-Söllinger.

Regina Freimüller-Söllinger, Architektin.

Liegen diese Streitfälle im bewilligungsfreien Gebiet, müsse man den Eigentümern die Freiheit der Farbwahl zumeist lassen. „Wenn es hart auf hart kommt, erstellen wir ein Gutachten, ob es das Stadtbild stört“, erklärt sie. „Bei schwarzen Häusern sind die Auseinandersetzungen immer besonders schlimm.“ Innerhalb der Schutzzonen reiche dagegen oft schon ein wenig Diplomatie, um die Hausbesitzer von einer anderen Fassadengestaltung zu überzeugen: „Dort erklären wir dann, dass die bunte Gestaltung traditionell eher etwas Bäuerliches ist, das besser in die Peripherie passt. Das hilft dann meist schon.“

 

Kunst an der Wand

Dass es auch viel leichtere Wege zur Verschönerung von Fassaden gibt, die einerseits der Tradition und Nostalgie Rechnung tragen und andererseits bunte, teils sogar leuchtende Akzente auf graue Wände bringen, zeigen seit einigen Jahren Birgit Ecker und Roland Hörmann mit ihrem Verein Stadtschrift. Dieser rettet ausgediente Fassadenbeschriftungen vor dem Verfall und ermöglicht einigen von ihnen ein neues Leben auf Wiener Hauswänden. Das erste Projekt der beiden Wiener war eine Wand in der Kleinen Sperlgasse, die dann einem Anbau weichen musste. Seit vergangenem Jahr sind die Schriftzüge wieder im Karmeliterviertel zu sehen, jetzt am Ludwig-Hirsch-Platz. Auch im Sechsten hat eine Fassade an der Ecke Mollard- und Hofmühlgasse seit 2018 ein neues Gesicht: Hier strahlen für zehn Jahre die schönsten Frauen(namen) Wiens auf der – sonst natürlich sandfarbenen – Fassade.

Was Sie wissen sollten zur . . . Fassadengestaltung

Tipp 1

Farbwahl. Fassadenfarben sind in Wien – außerhalb der Schutzzonen – ganz grundsätzlich bewilligungsfrei. Nur wenn sie das Stadtbild und/oder die Nachbarn gar zu sehr stören, kann es zu Problemen kommen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte bei Altbauten eine Expertenmeinung einholen.

Tipp 2

Klima-Qualität. Bei Neubauprojekten wie etwa dem Nordbahnviertel reden Qualitätssicherungsbeiräte bei der Fassadengestaltung ein gewichtiges Wort mit, um das städtebauliche Leitbild und die Klimaschutzvorgaben einzuhalten: Helle Fassadenfarben und Begrünungen werden immer wichtiger.

Tipp 3

Status-Nachweis. Der Grund für die meist sandfarbenen Fassaden innerhalb der Schutzzonen liegt darin, dass früher oft die Farbpigmente vom Sandvorrat hinter dem Haus verwendet wurden. Diese Töne galten als städtisch-elegant, während bunte Häuser eher in der bäuerlichen Peripherie zu finden waren.