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Diskussion.

Die Suche nach dem guten Ganzen

Diskutierten an der FH St. Pölten (v. l.): Franz Dornig, IBM, Andrea Pilgerstorfer, FH St. Pölten, FH-St.-Pölten-Geschäftsführer Hannes Raffaseder, Manuela Vollmann, ABZ*Austria. Virtuell zugeschaltet war Katharina Müllebner, Verein Bizeps.
Diskutierten an der FH St. Pölten (v. l.): Franz Dornig, IBM, Andrea Pilgerstorfer, FH St. Pölten, FH-St.-Pölten-Geschäftsführer Hannes Raffaseder, Manuela Vollmann, ABZ*Austria. Virtuell zugeschaltet war Katharina Müllebner, Verein Bizeps.[ FH St. Pölten/Florian Stix ]
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Chancen und Risken der Digitalisierung der Bildung im Hinblick auf Inklusion und Teilhabe bislang Benachteiligter waren Thema einer Veranstaltung der FH St. Pölten.

Plötzlich war alles digital“, so beschreibt „Presse“-Redakteur Michael Köttritsch die Auswirkungen der Coronapandemie auf das Bildungssystem. Ein positiver Blick in die digitale Zukunft oder eine Verschärfung bestehender Ungleichheit? Diese Frage stellt er als Moderator einer Podiumsdiskussion zum Thema „Lehren, Lernen und digitale Inklusion“, die von der FH St. Pölten organisiert wurde.

Zur Einführung zeichnet Hannes Raffaseder, Geschäftsführer der FH St. Pölten, ein tendenziell positives Bild. Alle hätten rasch gelernt, mit der Digitalisierung – über die schon länger gesprochen worden war – umzugehen. Bezüglich Inklusion gebe es viele Best-Practice-Beispiele. Was fehle, sei, diese zu einem guten Ganzen zusammenzuführen. Noch hätten nicht wirklich alle den Zugang zu (Hochschul-)Bildung.

Was die Frage aufwirft, wie ex- oder inklusiv digitales Lernen ist. Andrea Pilgerstorfer vom Department Soziales der FH St. Pölten berichtet von Erfahrungen aus den berufsbegleitenden Studiengängen, wo wegen der bereits bestehenden Online-Anteile der Übergang zu Digital relativ reibungslos funktionierte. „Die Studierenden hatten den Zugang zu den Mitteln.“ Nachsatz: „Anders wird dies aus der Schule berichtet.“ Inklusion beginne nicht an der Hochschule, so die Expertin.

 

Infrastruktur und Zeit

Versäumnisse in der Integration an den Schulen ortet Katharina Müllebner, Redakteurin und Peers-Beraterin im Verein Bizeps, die das System der Sonderschulen und -Werkstätten kritisiert. Die Schule sei der Ort, an dem man lernt, dass es Menschen aus anderen Kulturkreisen gibt und Menschen mit Behinderungen. „Sind diese in der Schule nicht vertreten, kann man das auch nicht lernen.“ Wenn man in der Schule nicht inkludiert sei, setze sich dies auf dem Arbeitsmarkt fort. „Inklusion nützt daher allen.“ Dazu müsse die Technologie so gestaltet sein, dass sie von allen Menschen ohne fremde Hilfe nutzbar ist. Das schließe für Menschen mit Behinderung den Zugang zu zusätzlichen technischen Hilfsmitteln ein.

Auch für Manuela Vollmann, Geschäftsführerin ABZ*Austria und Vorstandsvorsitzende bei Arbeit plus Österreich, ist die Digitalisierung „nicht so divers, wie ich es gern hätte“. Es fehle vielen Gruppen nicht nur an Infrastruktur, sondern auch an Zeit. Insbesondere Frauen hätten in der Mehrfachbelastung durch die Pandemie weder Zeit noch die notwendigen Rückzugsräume gehabt.

Bezüglich technischer Infrastruktur verweist Franz Dornig, Industry Business Development IBM Austria, auf eine „Unzahl an Tools“, die dazu beigetragen hätten, dass der Betrieb aufrechterhalten werden konnte. Bei der Auswahl steuere der Markt, Dornig sieht aber auch die öffentliche Hand in der Pflicht, Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen. Auf Datenschutz angesprochen, sollten ihm zufolge jene Anbieter gewählt werden, die hier transparent agieren. Was den Content angeht, rät er, statt ähnliche Inhalte mehrfach zu produzieren, erfolgreiche Projekte gemeinsam weiterzuentwickeln. Als positiven Aspekt nennt er, wie Raffaseder darauf, dass Events digital ein größeres Publikum erreichen können.

 

Rückschau und Evaluierung

Bezüglich der inhaltlichen Veränderung der Lehre stellt sich für Pilgerstorfer im Hochschulbereich vor allem die Frage: „Was fällt weg, wenn Gesprächsführung nur digital stattfindet?“ „Das gelingt ganz gut“, so ihre Erfahrung. Was es jetzt brauche, sei eine Rückschau, in der die Ergebnisse und stattgefundenen Veränderungen evaluiert werden. Sie erinnert an den Auftrag von Hochschulen, gesellschaftlichen Wandel, wie er jetzt passiert, zu begleiten und zu analysieren. Auch im Hinblick auf die Auswirkung auf die Inklusion. An Ressourcen sei alles da, es gehe darum, diese jetzt zu nutzen.

Die Punkte verständliche Sprache und Motivation sind laut Vollmann entscheidend, Angebote für Einzelkontakte hilfreich. Positiv sei, dass durch die Pandemie der Wert der Bildung ins allgemeine Bewusstsein gerückt sei – und dass es die digitalen Tools überhaupt gegeben hat. Müllebner betont, dass keine Gruppe vergessen werden dürfe – und jede auch in die Gestaltung einbezogen werden müsse.

INFORMATION

Podiumsdiskussion: Unter dem Titel „Lehren, Lernen und digitale Inklusion. Chancen und Grenzen der Digitalisierung für inklusive Bildung“ fand am 27. Mai eine von der FH St. Pölten organisierte Podiumsdiskussion mit Experten aus den Bereichen Bildung, Arbeit, Inklusion und IT statt. Die hybrid – live und online– durchgeführte Veranstaltung ist Teil der Reihe Wissen.vorsprung der FH St. Pölten. www.fhsp.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2021)