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Wahl in Bosnien: „Die lähmende Apathie abschütteln“

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(c) REUTERS (DADO RUVIC)
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57 Prozent der unter 25-Jährigen sind arbeitslos, die Jugend ist politikverdrossen. Die Politik eintönig in ihrer nationalistischen Rhetorik. Doch man findet auch Optimisten, die Verantwortung übernehmen wollen.

SARAJEWO.Wenn am kommenden Sonntag in Bosnien und Herzegowina gewählt wird, kommt den Erstwählern eine bedeutende Rolle zu: Rund 80.000 junge Menschen haben zum ersten Mal die Chance, an den Wahlen teilzunehmen. Ob sie diese Chance auch ergreifen, ist fraglich. Politikverdrossenheit und Apathie sind in dieser Wählergruppe weit verbreitet. Der Hauptgrund: Mehr als 57 Prozent der unter 25-Jährigen sind arbeitslos; jene, die Arbeit gefunden haben, sind oft im sogenannten informellen Sektor tätig – zu Niedriglöhnen und ohne soziale Sicherheiten.

Der österreichische Diplomat Valentin Inzko, der „Hohe Repräsentant“ der Internationalen Gemeinschaft, ermunterte die junge Generation, zur Wahl zu gehen: „Junge Menschen müssen den gesellschaftlichen Wandel, den sie sich von den Politikern wünschen, auch einfordern. Wahlen bieten eine wunderbare Gelegenheit dazu“, so der erfahrene Diplomat.

Doch das, was die Jugendlichen als Politik serviert bekommen, lässt kaum jemanden an eine stabile Zukunft für dieses gespaltene Land glauben. Zu oft ruft Milorad Dodik, Premier des serbischen Teilstaates, nach einer Abspaltung. Zu eintönig ist die immer gleiche nationalistische Rhetorik, die zudeckt, anstatt Probleme an der Wurzel zu packen. Politik wird in Bosnien und Herzegowina für die eigene Klientel gemacht – dass ein bosnischer Kroate für eine serbische Partei stimmen würde oder umgekehrt, ist fast auszuschließen. Kaum eine der 63 zur Wahl antretenden Parteien wendet sich an alle Wahlberechtigten. Es geht immer nur darum, im eigenen Teich zu fischen.

 

Internet als Quelle

Es ist auch nicht so einfach für die Wähler, an objektive Informationen zu kommen. Berichterstattung, die nicht den vorgegebenen ethnischen Trennlinien folgt, gehört eher zu den Ausnahmen, meint Tarik Jusić vom Media Center Sarajevo.

„Guter Journalismus durchschaut Hass-Tiraden und beleuchtet eine Geschichte von mehreren Standpunkten aus. Leider eine Seltenheit hier in Bosnien und Herzegowina“, so der Publizist. Oft machen auch Medien-Elite und Polit-Elite gemeinsame Sache.

Was dabei heraus kommt, ist alles andere als kritische Berichterstattung. Jusić sorgt sich vor allem um den journalistischen Nachwuchs im Land: „Wir leiden unter schlecht ausgebildeten, parteiischen Journalistinnen und Journalisten.“ Daran will das 1995 gegründete Media Center etwas ändern – es hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Anlaufstelle für qualitativ hochwertigen Journalismus im Land zu sein, stellt eine große Datenbank zur Verfügung und bietet Training für Journalisten an. Das Media Center produziert auch TV- und Radiobeiträge und sieht sich als wichtiger Akteur in der unabhängigen Kulturszene.

 

Müssen wissen, was wir wollen!

Ginge es nach Alida Vračić, wäre das Büro des Hohen Repräsentanten in Sarajewo schon längst geräumt. Der internationale Verwalter hat politische Vollmachten, kann sogar Minister aus dem Amt entheben.

„Wie sollen wir so lernen, auf eigenen Beinen zu stehen?“ fragt Vračić, die dem politischen Think Tank „populari“ vorsteht. Alida Vračić hat diesen Verein 2006 mit einigen Gleichgesinnten gegründet – heute zählt er zu den wichtigsten Stimmen in der erst im Aufsteigen begriffenen Zivilgesellschaft Bosniens. Eines der Ziele von „populari“ ist es, dem gängigen Bosnien-Bild etwas entgegenzuhalten: „Wir sind nicht der zerbröckelnde Staat, als den uns die internationalen Medien gerne hinstellen“, so Vračić.

Für ihre Forschungen gehen die Mitarbeiter von „populari“ bevorzugt heraus aus den großen Städten, in die Peripherie. Gerade dort seien die politischen Strukturen unmittelbarer, die Menschen unabhängiger von den Ballungszentren und kämen so auf sehr gute Lösungen des Zusammenlebens. „Es ist irrsinnig viel passiert in diesem Land seit Ende des Krieges, es gibt innovative Menschen, die Wege gefunden haben, vorwärts zu kommen“, ist Vračić überzeugt.

Genau diesen Wegen soll nachgespürt werden. „Wir müssen lernen, Verantwortung für unser eigenes Tun zu übernehmen und die lähmende Apathie abzuschütteln“, sagte die junge Frau. Darin sieht sie den einzigen Weg, voranzukommen. „Erst, wenn die Internationalen abgezogen sind und wir auf uns selbst zurückgeworfen werden, wird sich etwas ändern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2010)