Tanz den Foucault!

Tanz Foucault
Tanz Foucault(c) Michaela Bruckberger
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Walter Heun, Leiter des Tanzquartiers Wien (TQW), über die anlaufende Saison, eine Performance mit Möbeln, knappes Geld und einen Abend über Michael Foucault.

„Die Presse“: Sie sprechen im Zusammenhang mit der vergangenen Saison vom „besten Einspielergebnis aller Zeiten“. Zeitgenössischer Tanz ist aber doch ein Nischenprodukt – von welchem Niveau sprechen wir also?

Walter Heun: Wir hatten 51.800 Besucher und eine Auslastung von 86 Prozent. Das war ein erstaunlicher Publikumszuspruch. Wir wollen den Kreis von Leuten, die sich mit TQW auseinandersetzen, erweitern.

Wie kann das gelingen?

Heun: Wir haben u.a. an ein Vertiefen gedacht und eine Publikation herausgebracht: „Scores“. Das ist Teil unseres Konzepts, mit dem Publikum zu kommunizieren. Im letzten Jahr gab es auch viel Interesse an den Einführungsgesprächen, die im Schnitt knapp 40 Interessenten hatten – was erstaunlich ist. Wir wollen die Auseinandersetzung mit Tanz und Performance, die ja auch an den Grenzen der Möglichkeiten des Theaters ist, nicht als elitären Diskurs führen.

Sie starten am 1.Oktober. Womit?

Heun: Wir widmen den Eröffnungsmonat einer Performance-Serie, die wir mit dem Mumok und der Tate Modern London gemeinsam kuratiert haben: „Push and Pull“ zeigt Performance und Choreografie in Anlehnung an die gleichnamige Installation von Allan Kaprow aus dem Jahr 1963, wo er das Publikum aufforderte, mit seiner Installation aus Möbeln und Objekten kreativ umzugehen. In „Push and Pull“ geht es also darum, den Moment der Offenheit zu beschreiben. So können zum Beispiel bei der Performance Möbel und Objekte übrigbleiben, die dann zum Material für Neuinszenierung werden – andererseits arbeiten die Künstler mit diesen momenthaften Qualitäten von Performance und Tanz, im Hier und Jetzt. Diese gegensätzliche Bewegung von push and pull ist die zentrale Thematik.

Sie eröffnen mit einem Stück über den französischen Philosoph Michel Foucault.

Heun: Wir nennen es eine Performance-Oper: „The History of Sexuality Volume One by Michel Foucault“ der US-Künstler Gregg Bordowitz und Paul Chan. Es geht letztlich darum, sich mit dem Leben, Werk und Denken von Foucault auseinanderzusetzen.

Am Ende der Reihe „Push and Pull“ steht „Dance“ von Lucinda Childs.

Heun: Es ist das erste Mal, dass Childs dieses tanzhistorisch sehr prägende Stück aus dem Jahr 1979 in der neuen Besetzung ihrer eigenen Kompanie in Europa zeigen wird. Da setzen wir fort, was wir im letzten Jahr mit Trisha Brown, Deborah Hay und Pina Bausch begonnen haben. Es geht um den neuen Blick zurück: Welche performativen Projekte haben bahnbrechend Neues geleistet? Was haben diese Choreografen an Denken geleistet für den Tanz und die darstellende Kunst zu ihrer Zeit, und wie können wir diese Arbeiten heute neu betrachten, vielleicht Dinge erkennen, die früher nicht erkannt wurden? Childs wird selbst in Wien sein und über ihre Arbeit sprechen.

Sie verhandeln derzeit mit dem Kulturamt der Stadt um mehr Geld?

Heun: Ich will nicht larmoyant sein, wir erhalten seit 2001 einen Zuschuss von 2,9 Millionen Euro im Jahr. Die Mittel werden zunehmend eng, weil sie nicht dem Index angepasst wurden. Wir erhalten nur Geld von der Stadt Wien – der Bund ist bei uns nicht dauerhaft engagiert, bei Impulstanz oder beim Brut hingegen massiv. Wir sind aber nicht nur von Bundesinteresse, sondern auch von internationaler Relevanz.

Wird es heuer auch Uraufführungen geben?

Heun: Ja, eine ganze Reihe. Zum Beispiel „Low Pieces“, eine größere Produktion von Xavier Le Roy – einem der wichtigsten Denker, wenn es um die Fragen der Möglichkeiten von Tanz und Performance geht. Und es freut mich besonders, dass wir einige der profiliertesten österreichischen Künstler nicht nur zu Gast haben, sondern die meisten sogar zur Uraufführung bringen – z.B. Milli Bitterli, Saskia Hölbling, Superamas oder Philipp Gehmacher mit Meg Stuart.

Und wie schaut das Projekt mit dem ORF RSO aus?

Heun: Das RSO hat zu seinem Jubiläum Kompositionsaufträge für Miniaturen an das Who's who der österreichischen Komponistenszene vergeben: Ein-Minuten-Miniaturen für Orchester. Das gab eine Sammlung von über 100 Miniaturen, die zwischen 30 Sekunden und dreieinhalb Minuten dauern. Claudia Bosse inszeniert, Christine Gaigg, Chris Haring, Anne Juren und Paul Wenninger choreografieren – dazu spielt ein Orchester von 80 Mann live im TQW, unserem „kleinen, bescheidenen Theaterchen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2010)

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