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Medien

Castingshows und die Sehnsucht nach dem besonderen Kind

Die Willkür in Talentshows kann Kinder verletzen.
Die Willkür in Talentshows kann Kinder verletzen.[ Symbolbild: V. Prokofyev/Tass/picturedesk.com ]
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Die Soziologin Astrid Ebner-Zarl hat Gegenwartskindheit in der Mediengesellschaft am Beispiel von Kinder-Talentshows im österreichischen und deutschen Fernsehen untersucht. Ihr Resümee: Die Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen verschwimmen zunehmend.

Die Idee zur Erforschung von heutiger Kindheit vor dem Hintergrund der Mediengesellschaft hatte die Soziologin Astrid Ebner-Zarl, als sie vor knapp zehn Jahren im Fernsehen über eine Folge der Castingshow „The Voice Kids“ gestolpert ist. „Ich war sprachlos angesichts der hochprofessionellen Auftritte von Kindern, die wie Erwachsene sangen und auf der Bühne agierten“, sagt sie. Sofort sei ihr das soziologische Konzept der Entgrenzung in den Sinn gekommen, das den Wandel der Arbeitsgesellschaft seit den 1980er-Jahren angesichts der Auflösung der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben beschreibt. „Der Begriff stellte sich für mich in einen neuen Zusammenhang.“

Ebner-Zarl, die an der Fachhochschule St. Pölten am Institut für Medienwirtschaft tätig ist, beschloss, ihrem Gefühl wissenschaftlich nachzugehen, und analysierte daraufhin deutsche und österreichische Castingshows für Kinder. Ihre Ergebnisse sind kürzlich in Buchform erschienen („Die Entgrenzung von Kindheit in der Mediengesellschaft“, Springer VS, 782 Seiten, 66,81 Euro).

Förderung und Leistungsdruck

Ebner-Zarl stellte ihrer Studie die These voran, dass die Digitalisierung und neue Medienplattformen Entgrenzungsprozesse zur Erwachsenenwelt anschieben: „Kinder und Jugendliche gelten als besonders medienaffine Gruppen, und in ihrer intensiven Nutzung von digitalen Medien gehen reale und virtuelle Umwelten selbstverständlich ineinander über.“ Neben dieser Mediatisierung seien für die Gegenwartskindheit auch Kommerzialisierung, Sexualisierung sowie Frühförderung und Leistungsorientierung prägend. In den von ihr untersuchten Castingshows „The Voice Kids“ und „Kiddy Contest“ konnte Ebner-Zarl alle vier Aspekte wiederfinden: „Die beiden Komponenten, die am stärksten zum Tragen kamen, sind Kommerzialisierung sowie Frühförderung und Leistungsorientierung.“ Auch die konstatierte Entgrenzung zwischen den Generationen führten die Talentshows eindrücklich vor.

„Die Formate entsprachen in ihrer Dimension großen Hauptabendshows für Erwachsene“, erklärt die Forscherin. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirkten sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihrem Können sehr reif und unterschieden sich in vielerlei Hinsicht, wie der hohen Professionalität oder dem Umgang mit Scheitern, kaum von Erwachsenen. Darüber hinaus teilten die Kinder mit den erwachsenen Akteurinnen und Akteuren der Shows nicht nur ähnliche Social-Media-Kanäle und eine gemeinsame Populärkultur (musikalische Orientierung, Styling, Musikgeschmack), sondern auch aus Songtexten abgeleitete Erfahrungen von Liebe und Beziehung.
Dennoch kam es vor allem in „The Voice Kids“ zu Brüchen, die verdeutlichen, dass die Kandidatinnen und Kandidaten ungeachtet des erwachsenen Anscheins eben doch Kinder waren. „Dies äußerte sich zum Beispiel in der Mitnahme von Stofftieren, dem Interesse an kindlichen Themen und Wünschen wie hexen zu können.“

Momente der Enttäuschung

Klare Grenzen fand die Soziologin in den Strukturen der Fernsehsendungen: Sie wurden von den Erwachsenen gesetzt, die als Coaches oder Jury über Scheitern und Weiterkommen entschieden – oftmals willkürlich und subjektiv. Und auch wenn die meisten kontrolliert mit ihrem Ausscheiden umgingen, so gab es wiederholt Kinder, die im Moment der Enttäuschung in ihren Grundfesten erschüttert wirkten. Sie schienen unter Schock. Stille Tränen und leere Blicke kennzeichneten ihre Reaktion: „Diese Momente zeigten, dass sie durch die Willkürstrukturen der Shows auch zutiefst verletzt werden können.“

Als ein kennzeichnendes Merkmal für Kind-Sein in der Gegenwart leitet Ebner-Zarl aus den untersuchten Sendungen die hohe Bedeutung der Talentförderung ab. Es herrsche eine Sehnsucht nach dem „besonderen Kind“. Dabei handle es sich jedoch keineswegs um ein Minderheitenphänomen. Das suggerieren zumindest die Shows, wenn das junge Publikum aufgerufen wird, sich für die nächste Staffel zu bewerben.