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Rückzug

Kein Internet auf dem Lande

Handys hoch: auf der Suche nach dem Netz.
Handys hoch: auf der Suche nach dem Netz.[ Foto: Chris Steele-Perkins/Magnum Photo]
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Auf der Suche nach Funkstille: Vor zwei Jahren glaubte ich, sie in einem Haus im Weinviertel gefunden zu haben, bis die Gemeinde auf den landesweit tuckernden Glasfaserzug aufsprang. Von Lichtwellen und dem Versuch, ihnen auszuweichen.

Seit einigen Jahren versuche ich mehr oder weniger verzweifelt zu entkommen. Warum das so ist, und wovor genau ich flüchte, weiß ich selbst nicht so recht, aber ich möchte es das Rauschen der Zeit nennen. Ich meine damit ein Leben, das einem keine Ruhe lässt, und die Bilder und Töne, die überall auf einen einprasseln, bis man vergisst, wo man ist.

Eine zumindest zwischenzeitlich erfolgreiche Lösung glaubte ich vor zwei Jahren in einem Haus im Weinviertel gefunden zu haben, das ein Freund einmal zärtlich „ein Loch am Ende eines Dorfes“ nannte. Tatsächlich war die Vermieterin überzeugt davon, dass ich mich nicht weiter interessieren würde, als sie mir erklärte, dass es kein Mobilfunknetz, kein Internet und keinen Fernsehanschluss an diesem Flecken Erde eineinhalb Autostunden von Wien entfernt gab. Sie irrte sich, ich war mehr als interessiert. Hinzu kommt, dass das Haus aufgrund eines Fehlers in der Bauplanung rund fünf Meter tiefer liegt als die umgebenden Gebäude, weshalb es das ganze Jahr über zwei Grad kälter ist. Man merkt das besonders im Frühling, wenn Tulpen und Flieder zwei Wochen später blühen, als anderswo im Pendlerdorf. Ein kleiner Bach fließt durch den beschaulichen Ort, der nächste Supermarkt ist einige Kilometer entfernt, und um zu telefonieren, muss ich auf eine kleine Anhöhe klettern, von der aus ich die Ostalpen vor mir sehe. Ich mietete das Haus und glaubte endlich, meinen perfekten Rückzugsort gefunden zu haben.

Als dann vor einem Jahr inmitten einer auch digitalen Pandemie die ersten Prospekte in den Briefkästen auftauchten, erhitzte das nicht nur mein Gemüt. Auf den Katalogen strahlten glattpolierte Kinder und Väter, die mit Tablets im Weinberg standen und von denen seltsam farbige Linien hinaus gen Himmel flogen. Die sogenannten Lichtwellenleiter leuchteten wie Sternschnuppen am Horizont pastoraler Idylle. Das Bild erinnerte mich an biblische Illustrationen des Sterns von Betlehem. Andere Bilder zeigten über beide Ohren grinsende Gärtner mit Laptop im Gewächshaus, eine seltsamerweise auf dem Boden liegende, junge Frau, die in ihren Laptop lächelte, und einen älteren Herrn, der sich im Gartenstuhl an den Laptop klammerte, als würde er sonst auf der Stelle sterben.