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Alltagssprache

Bericht aus der Lebenswelt der Großeltern

(c) imago/allOver (KTH)
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Der Wandel der Alltagssprache der Wiener Kinder seit den 1950ern.

„Mit Rachmones kann ma ka Zeitung machen.“ Also: Nur mit Freundlichkeit und Empathie macht man keine Zeitung. Zumindest keine gute. So lautete das Verdikt der Herren Chorherr, Rothmayer, Templ und Co. in den Sechzigerjahren. Keine „Warmduscher“. Da herrschte ein rauer Ton im Chronik-Ressort im Heiligenstädter Pressehaus. Nicht nur die Rachmones sind den Weg des Irdischen gegangen, auch das Geseire, die Ezzes, der Goi, die Mischpoke. Und wenn etwas gänzlich unwesentlich war, dann tat es der unvergleichliche Ludwig (von) Marton mit einem abfälligen „nebbich“ ab. So übrigens auch 1971, als der Ex-Außenminister Waldheim unbedingt Bundespräsident werden wollte.

Daran wird erinnert, wer die Memoiren des „Urwieners“ Helmut Birkhan zur Hand nimmt. Der Wissenschaftler (Jahrgang 1938) ist bekannt als Keltologe, Mediävist und Experte der mittelalterlichen Alltagskultur in Theorie und Praxis. Doch davon ist hier keine Rede. Nach acht Jahrzehnten blickt der Gelehrte humorvoll auf seine Kindheit zurück. „Es ist eine Zeitreise in diese verblassende Welt im Innersten Österreichs“, schreibt die Historikerin Helga Maria Wolf (die übrigens selbst noch die rauen Töne der „Presse“-Lokalredaktion in Ohren hat). „Kindheit in Wien“ sei mehr als ein Erinnerungsbuch, „es ist ein buntes Gemälde der Lebenswelt unserer Großeltern, ganz ohne Wehmut und Idyllenton, dafür voller Sachkenntnis und Fantasie. Wenn Birkhan den Staub von lang vergessenen Begriffen bläst, dann erwachen der Kohlenklau zu neuem Leben und der Fetzentandler, die Stosuppe, der Fleckerlwalzer und das Ramasuri.“

Solche Vokabeln, die nicht mehr allgemein bekannt sein dürften, streut der „Chronist der Wiener Welt von gestern“ routiniert in seinen Text ein, beispielsweise Grischbindl (mageres Bürschchen), Khudlmudl (Durcheinander), Reindel (Kochgeschirr), Bappmschlossa (Zahnarzt), bunkad (drall), Dschoppal (kleines, armseliges Kind), kralowat (gestohlen), pomali (gemütlich; langsam), baulisiarn (verschwinden) schmafu (schmählich behandelt werden), Pompfünébera (Bestatter) oder Ihaver (Pferdefleischhauer).

Alois Brandstetter, Jahrgangs- und Studienkollege Birkhans an der Wiener Universität, erwähnt im Vorwort die literarische Sozialisation des späteren Gelehrten: Märchen, Märchen in jeglicher Form. Die Familie lebte im bürgerlichen Teil von Mariahilf. Die Wohnung, mit Biedermeier- und altdeutschen Möbeln samt Klavier eingerichtet, die Küche mit Kochkiste und Eiskasten lassen vor dem geistigen Auge älterer LeserInnen lebhafte Bilder entstehen. Ebenso die Beschreibung der Kindermode und der Feiertage, wie Weihnachtsbescherung oder Fronleichnam, Radio, Grammophon und die Bibliothek der Familie.

Wenig verwunderlich, dass der „Weana Badsi“ den Mitschülern keineswegs sympathisch war, als er noch zu Kriegszeiten in Niederösterreich eingeschult wurde: „An der Sprache kann es nicht gelegen sein, denn ich bin sozusagen zweisprachig aufgewachsen. Wir sprachen als Haussprache Wienerisch... Meine Mutter hatte vielfach spezifisch sudetendeutsche Ausdrücke. Daneben beherrschten wir die Hochsprache...“

Die beherrscht er auch heute noch in bewunderungswürdiger Art und Weise. Und so reisen wir mit ihm durch seine Kindheit, vergessen die Welt von heute um uns. Kennen Sie das?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2021)