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Zwischentöne

Martha Argerich: Über diese starke Frau staunte einst schon Vladimir Horowitz

Martha Argerich (Archivbild)
Martha Argerich (Archivbild)imago images/Eventpress
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Am Wochenende feierte Martha Argerich ihren 80. Geburtstag, eine der großen Musikerinnen unserer Zeit, deren Gesetzen sie nie gehorchte.

Mit dem viel besprochenen Sexismus ist es etwa so wie mit dem ebenso viel besprochenen Datenschutz. Wir erleben, wie leicht sich die in derlei Fragen ach so sensible Gesellschaft in eine bedenkenlos voyeuristische Masse verwandeln lässt. Was die Musik betrifft: Noch nie wurden so viele Karrieren mit hoch geschlitzten Kleidern oder barfuß in Philharmonien gemacht. Ja, tolle Musikerinnen sind das auch . . .

Ob eine attraktive Künstlerin vom Format der Martha Argerich sich der gnadenlosen PR-Maschinerie unserer hinter puritanischer Maske so tief unredlichen Zeit hätte entziehen können? Eine starke Persönlichkeit war sie immer. Sie konnte Nein sagen. Sie stürzte aber auch in die tiefste Krise ihres Lebens, als sie gerade dazu angesetzt hatte, Weltkarriere zu machen.

Niemand Geringerer als Vladimir Horowitz hatte seinem Erstaunen über das Debütalbum der 19-Jährigen Ausdruck verliehen, eine Platte, auf der die Argentinierin – wie er mit russisch-jüdischen Wurzeln – in seinem ureigenen Repertoire wilderte und nebst Chopin, Liszt und Brahms Sergej Prokofjews höllisch schwere „Toccata“ spielte. Und zwar nicht nur mit stupender technischer Bravour (was an sich schon für Preise bei Klavierwettbewerben genügt hätte, die sie noch einsammeln sollte), sondern auch mit einem Sinn für die Erlebniswelten, die sich dem erschließen, der nicht nur rasant alle Noten absolviert.

Gerade dieses Geheimnis war es, um das die Argerich instinktiv zu wissen schien und das ihr schlaflose Nächte bescherte. Um die Klaviertechnik musste sie sich offenkundig nie scheren. Sie spielte immer so, als seien Schwierigkeiten lediglich dazu da, weil ohne sie eine dringliche Geschichte nicht glaubwürdig erzählt werden konnte: Da musste man jetzt und hier in Sechzehnteloktaven so schnell wie möglich ganz oben im Diskant ankommen.

In der Regel gelang ihr das dann auch noch fehlerfrei. Jedenfalls aber war sie dramatisch schnell am Ziel. Und das zählte.

Ihre zutiefst künstlerischen Skrupel hatte sie von Lehrerpersönlichkeiten wie Friedrich Gulda oder Arturo Benedetti-Michelangeli mit auf den Weg bekommen. Der große Stefan Askenase führte das genialisch begabte Mädchen dann behutsam aus den Selbstzweifeln einer Weltkarriere zu.

Auch aus späteren Krisen ist die Argerich dann immer wie Phönix aus der Asche zurückgekehrt. Sie machte viel Kammermusik, spielte beispielsweise nie alle Beethoven-Konzerte, sondern immer nur, was ihr gerade Freude machte. Sie liebt es bis heute, kräfteraubende Monster wie Tschaikowskys b-Moll-Konzert aufs Programm zu setzen, ungebrochen in ihrer vulkanösen Musikalität.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

[RIZWP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2021)