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Kolumne zum Tag

Frenemy

Eindrücke, die Reisen in andere Länder und Kulturen hinterlassen, gehören zu wertvollsten und nachhaltigsten im Leben. (Foto: Auckland)Wolfgang Greber
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Deutsch ist eine außergewöhnlich facettenreiche Sprache. Aber sie ist nicht komplett. Keine Sprache ist das.

Tausende englischsprachige Filme und mehr als 20 Aufenthalte in englischsprachigen Ländern hat es gebraucht, um erst vor ein paar Tagen zu erfahren, dass es ein Wort namens „Frenemy“ gibt – ein Portmanteau aus „friend“ und „enemy“. Je nach Kontext bedeutet es so viel wie falscher Freund oder Feind, der vorgibt, dein Freund zu sein; oder auch jemand, bei dem aufgrund der Umstände gute Miene zum bösen Spiel angebracht ist. Wikipedia zufolge hat „Parteifreund“ eine vergleichbare Aussage. Umgangssprachlich wohl auch „Falscher Fuffziger“.

Sie sehen schon… so viele Umschreibungen, aber keine ist so treffend, so edel, so vollendet wie „Frenemy“. Auch wegen solcher Beiläufigkeiten gehört Mehrsprachigkeit zu den kostbarsten Fähigkeiten, die wir erwerben können. Sie erweitert unsere Fantasie und Kreativität gleichermaßen wie unsere rhetorische Strahlkraft, unseren verbalen Sex-Appeal. Die Geschichten, die wir erzählen, werden dadurch facettenreicher, vielschichtiger und kurzweiliger. Denn um die Bedeutung des Begriffs „Frenemy“ zu erklären, muss er gar nicht zum Einsatz kommen. Das Wissen um seine Existenz genügt, damit der Thesaurus im Gehirn angeworfen wird. Jeder, der mehrere Sprachen spricht, kennt dieses Phänomen.

Ein anderes Beispiel für ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt, ist das türkische „Hatir“. Es bedeutet, bei jemandem etwas gut zu haben bzw. in der Schuld von jemandem zu stehen – aber positiv konnotiert; es geht nicht um eine Schuld, die beglichen gehört, sondern um das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen – aus einer Dankbarkeit, die für andere zumeist gar nicht nachvollziehbar ist.

„Litost“ wiederum beschreibt auf Tschechisch die gedemütigte Verzweiflung, wenn einen jemand durch seine Erfolge an das eigene Versagen im Leben erinnert.

Wer weiß, wie viele Bezeichnungen es noch gibt, die nur darauf warten, entdeckt und in unsere Art zu denken aufgenommen zu werden. Auf Fernreisen, die uns nach diesen freudlosen eineinhalb Jahren schon bald wieder in andere Länder, Kulturen, Religionen und Klimazonen führen werden. Mit Begegnungen, die den Unterschied im Leben ausmachen, weil sie durch den Perspektivenwechsel einen klareren Blick auf die Nichtigkeiten des Alltags ermöglichen. Vielleicht hat irgendeine Sprache sogar ein Wort dafür.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com