Peanuts: Die stille Größe der kleinen Leute

Peanuts stille Groesse kleinen
Peanuts stille Groesse kleinen(c) AP (ANN HEISENFELT)
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Vor 60 Jahren erschienen erstmals die „Peanuts“. Dieser Comicstrip machte den Zeichner Charles M. Schulz reich und bereichert seither die US-Kultur - mit insgesamt 17.897 Strips.

Am 2.Oktober 1950 tobte in Ostasien der Korea-Krieg und in den USA der republikanische Senator Joseph McCarthy, der überall im Lande Kommunisten sah und deshalb gegen viele unbescholtene Bürger eine Hexenjagd initiierte. In der „Chicago Tribune“ aber und sechs weiteren Tageszeitungen erschien an diesem Tag ein Comicstrip mit vier Bildern, der nachhaltiger sein sollte als die politischen Turbulenzen: „Da kommt der alte Charlie Brown!“, heißt es in der ersten Sprechblase von einem kleinen Buben am Randstein, und „Wie ich ihn hasse!“ in der vierten. Die Peanuts waren geboren. Sie machten den Zeichner Charles Monroe Schulz (1922–2000) zu einem reichen Mann und hunderte Millionen Leser zu Philosophen – für jene Augenblicke zumindest, in denen sie die großen Lebensfragen durch kleine Leute vermittelt bekamen.

Li'l Folks hießen auch die Vorläufer der Peanuts, die Schulz unter dem Pseudonym Sparky ab 1947 veröffentlicht hatte. Eines der Kinder, die von einem Beagle begleitet wurden, hieß da bereits Charlie Brown. Nach ihm, einem Jugendfreund von Schulz, sollte auch die neue tägliche Serie benannt werden, doch das Comicsyndikat United Feature bestand auf Peanuts. Zeitlebens war der Künstler unzufrieden mit dieser Entscheidung, denn „peanuts“ bedeutet abwertend auch „Klacks“.

2600 Zeitungen mit Charlie Brown

Er aber nahm die Kinder immer für voll, beinahe fünfzig Jahre lang, jeden Tag, in insgesamt 17.897 Strips. Und die Leser waren nach einer zögerlichen Anfangsphase geradezu süchtig nach diesen kurzen Lebensfluchten in eine gar nicht idyllische Kindheit, die voller Gemeinheiten, Gefahren und Erfahrungen war. In den besten Zeiten erschien die Serie weltweit in 2600 Zeitungen. Ab den Siebzigerjahren war ein amerikanisches Kinderzimmer ohne Devotionalien für den ewigen Verlierer Charlie, die gemeine Lucy oder den Fliegerhelden-Hund Snoopy gar nicht vorstellbar.

Dabei sind die Themen durchaus erwachsen. Nehmen wir etwa die ewigen Niederlagen von Charlie, den Lucy beim Football-Spiel seit 1952 zur Herbstsaison ins Leere laufen lässt. Im letzten Moment zieht sie ihm den Ball weg. „Charlie Brown, ich halte den Football, und du nimmst Anlauf und schießt“, befiehlt Lucy. Der reagiert mit dem Stoßseufzer: „Herr, wie lange?“ Lucy weiß, woher das stammt: „Du zitierst aus Jesaja sechs, Vers elf... Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.“

Das war am 11.Oktober 1970, in der Hochzeit des Kalten Krieges und der atomaren Bedrohung. Dabei geht es doch bei den Peanuts nur um ein Spiel. Oder? Nein. Schulz, diesem genialen Erzähler aus Minnesota, ist es gelungen, eine ganze Welt in kurze Sequenzen zu packen, eine Fülle an Charakteren, rund um diesen Charlie Brown, der groß im Scheitern und grandios im Wieder-Aufstehen ist, den niemand wirklich mag, weil jeder sich in ihm wohl erkennt. Er hat Angst vor dem Sport und dem großen Baum, der seinen Drachen frisst, vor der Liebe (die Rothaarige!) und dem großen Kürbis aus seinen Albträumen. Brown ist schuld daran, wenn seine Mannschaft im Baseball verliert, und auch die Schule birgt für ihn Schrecken. Doch hat er Freunde und einen souveränen Hund, der schwerelos auf dem Scheitelpunkt seines Hundehütten-Daches ausgestreckt auf dem Rücken liegt und sich der Einbildungskraft ergibt.

Klavier spielen wie Schroeder

Die Archetypen, zu denen man sich hingezogen fühlt, sagen viel über den Leser aus. Jeder mag Snoopy, aber warum liebt man ausgerechnet die coole Peppermint Patty mit ihren Sommersprossen oder die fantastische Träumerin Sally mit ihren blonden Locken? Wer möchte nicht Klavier spielen können wie das frühreife Genie Schroeder, das auf seinem Baby-Piano mit den aufgemalten Tasten Beethoven-Sonaten perfektioniert? Aber die meisten von uns sehnen sich doch einfach wie der kleine Linus nach einer Schmusedecke, während die Sprechblasen verraten, dass die Welt in ihrer Tücke eigentlich Anlass zu Jeremiaden gibt. Man sollte ihr, so wie Charlie Brown, hoffnungsvoll, kritisch und mit Würde begegnen.

Zum 60.Jubiläum ist vom Carlsen Verlag ein Prachtband erhältlich: „Charles M. Schulz. Das große Peanuts-Buch.“ Hrsg. Andreas C. Knigge. Mit erläuternden Essays und vielen Cartoons. 368 Seiten, 30,80 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2010)

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