Im Schützengraben deutscher Literatur

In der „Welt“, und das ist immerhin ein weit über deutsche Grenzen bekanntes Blatt, fragte jüngst ein Feuilletonist, wo denn die „Great German Novel“ bliebe.

Unmittelbar vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, die sicherlich noch größer sein wird als die Großmessen zuvor, scheint diese nervöse Suche berechtigt. Im belletristischen Labyrinth sind verlässliche Wegmarken nötig.

Sonst wappnet man sich, sagen wir, mit Peter Handkes Lesedrama „Immer noch Sturm“, um beim nächsten Salon reüssieren zu können, und dort erfährt man von eleganten Tischdamen, dass Handke als Great German längst passé sei, während Ernst Jünger mit seinem „Kriegstagebuch 1914–1918“ ein „Must“ sei. Im von Thilo Sarrazin beackerten verminten Gelände ist Jünger als „German Psycho“ der „Great Killer Faction-Fiction“ ein Favorit unter den Wiedergängern.

Ich habe mir zur Sicherheit sowohl den broschierten Handke über das ästhetisierte Jaunfeld als auch die Granate des Stahlgewitter-Tagebuch-Täters gekauft – umsonst, wenn ich der „Welt“ vertraue. Dort erfahre ich, wie die bundesdeutsche Gegenwartsliteratur in dieser Saison wirklich ist: pedantisch, verklemmt, analfixiert oder furchtbar naseweis. Aber weit und breit kein Großroman.

Raus also aus den großdeutschen Schützengräben! Weltliteratur ist an der Zeit. Ich sage nur Buenos Aires, liebe Leser! Oder Tel Aviv. Oder Wien. Andernorts blüht die Dichtung.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2010)

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