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EM-Interview

Tschertschessow: „Russen sind keine Träumer“

REUTERS
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Stanislaw Tschertschessow ist Coach der „Sbornaja“, der Tirol-Fan hat für die EM Großes vor. Über die Pandemie, Sputnik V, Skifahren, Tore und Politik.

Sie sind eine FC-Tirol-Legende, haben eine Wohnung in Rinn, waren dreimal in Serie mit dem russischen Nationalteam zur Vorbereitung auf ein Großereignis in Neustift. Ihre Verbundenheit zu Tirol ist weiterhin groß?
Stanislaw Tschertschessow: Wegen des Coronavirus konnte ich eineinhalb Jahre nicht kommen, aber ja: Ich fühle mich fast wie ein Tiroler. Ich denke, dass ich fast keinen Akzent habe (lacht). Das erste Mal waren wir 2017 hier, sind dann beim Confed Cup in der Vorrunde ausgeschieden. Wir fühlen uns einfach wohl hier in Neustift im Hotel Jagdhof bei Armin Purtscheller. Tirol nimmt uns mit offenen Armen auf. Wir kamen nicht wegen mir, sondern weil es dem Team gefällt.

Wie groß ist die Vorfreude auf die Fußball-EM, vor allem, wie groß ist der Druck? Die Heim-WM 2018 war gut, führte Russland bis in das Viertelfinale. Was bringt jetzt die EM?
Wir gehen genauso wie unsere Gegner der Tagesarbeit nach, ziehen unser Programm durch. Wir sind aber keine Träumer, sondern machen unsere Arbeit. Eine Europameisterschaft ist ein schwieriges Turnier. Auf der einen Seite könnten wir durch zwei Heimspiele (gegen Belgien und Finnland in St. Petersburg; Anm.) einen kleinen Vorteil haben, auf der anderen Seite ist das aber nur dann ein Vorteil, wenn man bereit ist, seine Aufgaben zu erledigen. Und nicht vergessen: Wir beginnen das Turnier am Samstag gegen Belgien, die Nummer eins der Fifa-Weltrangliste.

ZUR PERSON
Stanislaw Tschertschessow, 57, war Torhüter (u. a. von 1996 bis 2002) und betreut seit 2016 Team Russland.

Er wurde 1987 und 1989 sowjetischer, 2000, 2001 und 2002 österreichischer Meister. Als Trainer führte er Legia Warschau (2016) zu Meisterehren.

Russland trifft bei der EM ab Samstag auf Belgien (21 Uhr, live ORF1), Dänemark und Finnland.

Trotzdem: Wie wichtig war die WM 2018 für Russlands Fußball?
Mich persönlich stelle ich hier an die letzte Stelle, aber für unseren Fußball war es wichtig, Euphorie zu erzeugen, viele Spieler haben sich gut entwickelt, und im Nachwuchs hat sich auch einiges getan. Es war ein super Turnier mit vollen Stadien und keinem Tropfen Regen. Erst nach dem Finale hat es angefangen zu regnen – Gott hat geweint, weil die WM vorbei war (schmunzelt).

Sie haben Spartak Moskau trainiert, mit Legia Warschau das Double gefeiert und standen mit Russland im WM-Viertelfinale: Welche Bedeutung haben all diese Erfolge für Sie, was haben sie denn verändert?
Wenn man Nationaltrainer vom eigenen Land sein darf und gefragt wird, dann muss man das machen. Das ist eine Herzensangelegenheit. Und die Erfolge? Durch die eigene Wohnung kann ich schon noch ruhig gehen . . . Bodyguards habe ich nie gebraucht: Ich schulde ja niemandem etwas und mir auch keiner.

Die auf Europa verstreute EM steckt voller Strapazen, weiter Reisen und . . .
. . . das ist eine typische Tiroler Frage: Tirol ist zwei Meter hier, drei Meter da. Wenn wir in Russland Meisterschaft spielen, dann fliegen wir. So war es auch bei der Heim-WM. Wo liegt das Problem? Die Idee so einer EM war grundsätzlich gut, seit der Pandemie herrschen eigene Gesetze. Wir müssen uns darauf einstellen, die Fußball-Union Uefa ist bei ihrem Plan geblieben. Das zeugt auch von Charakter.

Sie haben Ihre Linie. Wie lautet das russische EM-Mindestziel?
Immer gut trainieren, aus Tests gegen Polen (1:1) und Bulgarien (1:0) die richtigen Erkenntnisse gewinnen, den endgültigen 26-Mann-Kader nominieren. Sie sehen: eins nach dem anderen. Wenn man schon an die letzte Hürde denkt, fliegt man ja über die erste. Und wir müssen objektiv sein: Wer außer Teams wie Frankreich, Deutschland und noch wenige andere kann große Ziele benennen? Wir müssen unseren Platz kennen. Andere Teams sind vielleicht ein bisschen stärker, aber es geht auch um Tagesverfassung, und wir müssen bereit sein.



Dieses Interview zur Fußball-EM
entstand in Kooperation mit
den Bundesländer-Zeitungen.

Interessante Sichtweise. Was trauen Sie denn Österreich zu?
Ich habe es gegen Dänemark (0:4 in der WM-Qualifikation; Anm.) gesehen. Euch geht es ähnlich wie uns: Auch ihr seid keine Favoriten. Ihr habt gute Spieler, aber wichtig ist eine funktionierende Mannschaft. Beim Skifahren ist Österreich Erster, beim Fußball und bei einem Turnier, bei dem das Niveau so hoch ist, muss man sich richtig einschätzen. Ihr hattet auch 2016 (ÖFB-Vorrunden-Aus; Anm.) ein gutes Team. Und zur Erinnerung: Portugal ist damals Europameister geworden, in der Gruppenphase aber erst nach einem 3:3 gegen Ungarn am letzten Spieltag.

Portugal könnte jetzt auch wieder ein Geheimtipp sein?
Möglich. Es gibt viele gute Teams. Entscheidend ist, dass die Schlüsselspieler topfit sind – und bitte auf das Coronavirus nicht vergessen: Plötzlich fallen dir wie aus dem Nichts drei Spieler weg. Wir haben das im November auch schon erlebt.

Sie wurden mit Sputnik V geimpft, Ihre Spieler auch?
Nicht alle wurden geimpft. Aber viele waren krank und haben somit Antikörper. Ich bin kein Freund von bestimmten Sachen, und Politik ist Politik. Aber wenn mich heutzutage jemand fragt, ob ein Mercedes oder Lada das bessere Auto ist, dann sage ich: „Mercedes“. Man muss objektiv sein. Wenn Sputnik V der beste Impfstoff ist, muss man ihn nehmen. Und wenn morgen aus einem anderen Land ein anderer und besserer Impfstoff kommen würde, dann werde ich das genauso sehen. Mein erster Wunsch ist, gesund zu bleiben und morgen wieder gut zu arbeiten. Ich denke nicht an übermorgen. (TT/a-gru)