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Eva Komarek, Styria, Marietta Babos, Gründerin der Finanzberatungsplattform Damensache, Florian Helmberger, Head of Customer Centers Austria & Education Hello bank! und Leiter Hello bank! Akademie, Andrea Lang, Unternehmenssprecherin Münze Österreich, und Alexandra Wolk, CFO Three Coins.
Diskussion

Zur Pilotin über die eigenen Finanzen werden

Derzeit sind viele Frauen noch weit davon entfernt, in finanzieller Unabhängigkeit zu leben – welche Gründe dahinter stehen und wie sich die Hindernisse bewältigen lassen.

„Die Presse“ hat die Initiative fplus – Frauen und Finanzen ins Leben gerufen, da Frauen gegenüber Männern noch immer finanziell benachteiligt sind und sich schwerer tun, in finanzieller Unabhängigkeit zu leben. In einer ersten Diskussionsrunde begrüßte Moderatorin Eva Komarek, General Editor for Trend Topics (Styria), Marietta Babos, Gründerin und Managing Director der unabhängigen Finanzberatungsplattform Damensache, Andrea Lang, Unternehmenssprecherin der Münze Österreich, Alexandra Wolk, CFO des Sozialunternehmens Three Coins, und Florian Helmberger, Head of Customer Centers Austria & Education der Hello bank! Wien und Leiter der Hello bank! Akademie.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie es Frauen gelingen kann, ein finanziell selbstbestimmtes Leben in jeder Altersphase zu führen. „Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet, sowohl vom Job als auch vom Partner und von Geld selbst unabhängig und jederzeit selbständig zu entscheiden“, definierte Alexandra Wolk. „Unabhängig von Geld ist man, wenn man sich nicht von äußeren Einflüssen abhängig macht, etwa von zu hohen Fixkosten, Krediten oder Gruppendruck, die dazu zwingen, in bestimmten Verhältnissen und Abhängigkeiten zu leben.“

„Speziell wenn man Nachwuchs bekommt und beruflich zurückstecken muss, ist finanzielle Unabhängigkeit nahezu unrealistisch.“

Andrea Lang, Unternehmenssprecherin der Münze Österreich

Geld gilt als der weltweit größte Stressfaktor. Sich diesem Druck zu entheben, wäre finanzielle Unabhängigkeit. Von dieser Vision sind vor allem Frauen weit entfernt. „Speziell wenn man Nachwuchs bekommt und beruflich zurückstecken muss, ist finanzielle Unabhängigkeit nahezu unrealistisch“, ergänzte Andrea Lang. „In diesen Situationen ist es schwierig, zusätzlich zu den laufenden Ausgaben noch Reserven zu bilden, um durchs Alter oder Lebensphasen zu kommen, in denen man etwas kürzer treten möchte. Daher ist finanzielle Unabhängigkeit immer ein zweischneidiges Schwert.“ Finanzexpertin Marietta Ba­bos betonte: „Frauen haben andere Lebensverläufe als Männer – diese wirken sich vor allen auf die finanzielle Absicherung aus. Meine Mission mit der unabhängigen Finanzberatungsplattform Damensache ist, Frauen sowohl über die Notwendigkeit der finanziellen Selbstbestimmung aufzuklären als auch in der Umsetzung zu begleiten.“


Das finanzielle Risiko trifft Frauen sowohl in der aktiven Er­werbsfähigkeit als auch in der Pensi­on stärker. Gerade beim Thema Altersvorsorge ist besonders viel Aufholbedarf. „Man darf nicht ver­gessen, dass Frauen durchschnittlich eine höhere Lebenserwartung haben als Männer.“ „Ös­terreichs Pensionssystem beruht auf drei Säulen: staatliche Pension, pri­vate und betriebliche Vorsorge. 90 Prozent der Menschen verlassen sich einzig auf die staatliche Pension und machen sich damit vom staatlichen System extrem abhängig“, warnte Babos. „Nur sechs Prozent kümmern sich zusätzlich um eine private Vor­sorge. Zehn Prozent des Nettoeinkommens wäre vom Jobbeginn notwendig, privat für die Pensionsvorsorge zu investieren, damit man im Alter auch ein würdiges Leben führen kann.“


Ungleichheit beginnt früh

Das Ungleichgewicht beginnt bereits im Kindesalter. Etwa beim Taschengeld. Laut Statistiken vom Bankenverband bekommen Mädchen in der Regel zwischen 14 bis 20 Prozent weniger Taschengeld als Buben. Die Gründe, woran das liegt, sind noch nicht erhoben, aber Wolk hat eine Vermutung. „Viele Erwachsene geben Taschengeld nach Bauchgefühl und beschäftigen sich nicht im Detail damit. Je mehr die Kinder miteinbezogen werden oder je besser sie verhandeln, desto mehr Geld kassieren sie im Endeffekt. Beim Fordern und Ansprüche stellen zeigen sich Burschen häufig hartnäckiger als Mädchen.“

„20 Prozent der Befragten haben ein monatliches Einkommen von rund 1000 Euro und bewegen sich damit am Existenzminimum.“

Alexandra Wolk, CFO des Sozialunternehmens Three Coins

Aber die stärksten Differenzen zwischen den Geschlechtern zeigen sich im Erwerbsleben. Frauen haben in der Regel um rund 20 Prozent weniger Gehalt. Sie nehmen Teilzeitarbeitsmodelle stärker in Anspruch. Letztlich kassieren sie danach deutlich weniger Pension als ihre männlichen Kollegen. „Im Schnitt hat eine Frau mit Eintritt in die Pension rund 42 Prozent weniger im Vergleich zur Pension von Männern zur Verfügung und ist laut Imas-Studie mit einer Summe von lediglich 1064 Euro im Monat nicht ansatzweise finanziell unabhängig“, rechnete Wolk vor. „Unbezahlte Arbeit lastet zudem viel schwerer auf Frauenschultern.“


Die Hello bank! brachte im Herbst 2020 den Financial Future Report für Frauen heraus, bei dem die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter rund 1000 Österreicherinnen zwischen 18 und 55 Jahren veröffentlicht wurden. Daraus geht hervor, dass viele Frauen nicht einmal über ein eigenes Konto verfügen. Besonders erschreckend: „20 Prozent der Befragten haben ein monatliches Einkommen von rund 1000 Euro und bewegen sich damit am Existenzminimum“, sagte Florian Helmberger. Die positive Meldung: Das Bewusstsein, sich mit seinen Finanzen auseinanderzusetzen, steigt kontinuierlich. Die Corona­krise ist daran nicht unbeteiligt.


Gepusht durch Krise

Die Coronapandemie hat einerseits dazu geführt, dass sich in vielen Haushalten die finanzielle Situation verschärfte und Reserven aufgelöst werden mussten. Bezüglich Nachholbedarf der Frauen beim Thema finanzieller Unabhängigkeit beobachteten die Experten jedoch einen gegenteiligen Effekt: „In der Corona­krise hat sich der Frauenanteil bei uns massiv gesteigert“, sagte Helmberger. Lag bei der Hello bank! der Frauenanteil 2019 bei den Neueröffnungen noch bei 19 Prozent, stieg er innerhalb eines Jahres 2020 auf 25 Prozent.

„Das ist zwar generell noch immer zu wenig, zeigt aber eine positive Entwicklung, und wir arbeiten daran, die Einstiegshürden für Frauen weiterhin abzubauen.“ Auch Damensache erfreut sich gegenwärtig über eine noch nie da gewesene Nachfrage für unabhängige Finanzberatung für Frauen. „Das Bewusstsein für das Thema ist eindeutig stärker geworden“, sagte Babos und nannte drei Hauptgründe für diese Entwicklung: „Die Leute hatten im Lockdown und Home-Office mehr Zeit, sich mit finanziellen Fragen auseinanderzusetzen. Außerdem waren viele Personen in der Krise zum ersten Mal mit dem Problem konfrontiert, ihre finanzielle Situation ernsthaft zu überdenken und sich mehr Gedanken über die finanzielle Zukunft zu machen.“ Der dritte und wahrscheinlich wichtigste Grund sei die digitale Transformation. „Früher stellte sowohl die Bereitschaft für digitale Tools als auch die Vereinbarung eines physischen Beratungsgesprächs Hindernisse dar. Videoberatungen sind für viele Frauen unkompli­zierter und bequemer.“


Budgetär angeschlagen

Zweifellos hatte die Coronakrise starke Auswirkungen auf das Konsumverhalten. Wolk zitierte eine Studie, die das Konsumverhalten in Deutschland analysierte. „Hier kam ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern zutage. 40 Prozent der Frauen mussten ihre Konsumausgaben während der Krise stark einschränken, während es bei den Männern nur 25 Prozent waren.“

Zudem gaben um zehn Prozent mehr Frauen an, bei der Altersvorsorge kürzer treten zu müssen. „Zu dem ohnehin schon schmäleren Budgets gab es also viele Frauen, für die es finanziell nochmals deutlich enger wurde“, sagte Wolk und brach damit für jene Zielgruppe eine Lanze, die in Statistiken gern untergeht: Frauen, die kein Geld zum Ansparen besitzen und erst gar nicht investieren können. „Dass diese Gruppe nun noch weniger budgetären Spielraum hat, wird häufig übersehen. Auch hier braucht es dringend Hilfestellungen.“

„Bevor ein Pilot abhebt, geht er die Checkliste mit dem Co-Piloten durch. Genauso sollte es beim Thema Finanzen sein. Bevor man Entscheidungen trifft, muss man wissen, in welcher Situation man sich befindet.“

Florian Helmberger, Head of Customer Centers Austria & Education der Hello bank! Wien und Leiter der Hello bank! Akademie

Einerseits sind Frauen gefordert, sich selbst stärker um ihre Finanzen zu kümmern und zum Beispiel die Vor- und Nachteile von Anlagemöglichkeiten abzuwägen. Aber es bedarf auch Lösungen auf systemischer Ebene, damit Frauen überhaupt eine Chance auf finanzielle Unabhängigkeit erlangen. Rahmenbedingungen, die Staat, Organisationen, Arbeitgeber usw. schaffen müssen. Auf diesem Gebiet sehen die Experten viele offene Baustellen.


Checkliste

Frauen sollten zu den Pilotinnen ihres eigenen Geldlebens werden. „Hier muss der erste Grundsatz lauten, das Thema Finanzen nicht abzugeben“, sagte Wolk. „Leider sieht die Realität anders aus. Ein Großteil der Frauen neigt dazu, langfristige Finanzentscheidungen komplett den Männern zu überlassen. Ein schwerer Fehler. Bei den persönlichen Finanzen sollte man immer mitbestimmten.“ Dazu gehört auch das eigene Konto.
Helmberger griff das Bild der Pilotin auf und ergänzte: „Bevor ein Pilot abhebt, geht er die Checkliste mit dem Co-Piloten durch. Genauso sollte es beim Thema Finanzen sein. Bevor man Entscheidungen trifft, muss man wissen, in welcher Situation man sich befindet.“ Zu diesen Basics gehören die Kenntnisse über Budget und Fixkosten. Man muss jederzeit in der Lage sein, sich in Notfällen abzusichern bzw. gut vorbereitet zu sein, um vernünftig reagieren zu können, wenn Unerwartetes eintrifft. „Es braucht jemanden, dem man vertraut, um sich zu öffnen“, sagte Lang und sah hier Repräsentanten von Bankinstituten als die wichtigsten Vertrauenspersonen.

Information

Der Round Table fand auf Einladung der „Presse“ statt und wurde finanziell unterstützt von Münze Österreich und Hello bank!