Gentlemen

Man sieht sich in Le Mans

Toyota, Alpine, Peugeot: Demächst bei den 24 Stunden, vorab bei uns in einem Gefecht der Stellvertreter.

Am Erscheinungstag dieses Heftes sollte in Le Mans der Startschuss zur Mutter aller Langstreckenrennen fallen, doch weil fast nix mehr ist, wie es war, wird das erst am 21. August passieren (traditionell um 16.00 Uhr, das schon). Am Start in der höchsten Klasse, ehemals LMP1, heute Hypercar genannt, werden (neben zwei amerikanischen Glickenhaus-Racern) Toyota mit zwei GR 010 Hybrid und Alpine mit einer A480 sein (4,5-Liter-V8 statt Hybrid). Im nächsten Jahr stößt Peugeot mit einem komplett neuen Hypercar dazu; absolut Hochklassiges bei den 24 Stunden, bevor 2023 die große 100-Jahres-Sause startet. Wir bringen die Kontrahenten vorab auf der Straße zusammen: Peugeot mit dem 508 PSE, Alpine mit der A110S und Toyota mit dem GR Yaris; drei schnelle und sehr spezielle Autos, die dem Rennsport nicht nur im Geiste nahestehen. PSE steht für Peugeot Sport Engineered und meint das stark in Richtung Le Mans, wo man ebenfalls auf Hybrid setzt, Toyota hat den GR Yaris als hochkarätiges Homologationsmodell für den Einsatz in der Rallye-WM in Stellung gebracht, und Alpine hat mit der A110 nicht nur einen großen Namen reaktiviert, sondern auch erfrischenden Sportsgeist durch Leichtbau-Purismus.

(c) Juergen Skarwan

»Mit dem gleichnamigen Einkaufswagerl hat der GR Yaris wenig zu tun.«

»Die Alpine: Porsche Boxster minus eine Vierteltonne.«

Schwingen wir uns gleich hinters Lenkrad des GR Yaris. Und lassen uns nicht von den Basisfakten täuschen: Das Unvergleichliche an diesem Hot Hatch läßt sich nicht aus den Spezifikationen ablesen, obwohl die bei einem „Klein & Gemein“-Autoquartett einige Stiche sichern würden. Das Leistungsgewicht von 4,9 Kilogramm pro PS, 360 Newtonmeter aus einem 1,6-Liter-Dreizylinder mit Turboaufladung, 230 km/h Höchstgeschwindigkeit und 5,5 Sekunden für die ersten 100 davon – das sind amtliche Kennzahlen, aber noch nicht die ganze Wahrheit. Es ist ein brisanter Mix aus handwerklicher Exzellenz und eine Verdichtung zu einem extrem fertigen, feisten Gesamtpaket, das einen schon auf den ersten Kilometern sprachlos zurücklässt.

Über allem die ultimative Spielveränderung: Allrad! Das ist in dem Format und in Kombination mit dem empfehlenswerten High-Performance-Paket (Torsen Vorder- und Hinterachsdifferenzial, angespitztes Fahrwerk, geschmiedete 18-Zoll-Leichtmetallfelgen und mehr) konkurrenzlos. Zu jedem der oben genannten Ziffern gibt es eine Geschichte. Der Motor ist der stärkste (261 PS), leichteste und schlankeste seiner Art – drei Zylinder sprechen zudem auch schneller an –, und auf einer Seite hydraulisch gelagert, um Vibrationen zu vermeiden. Die Höchstgeschwindigkeit ist abgeregelt. Die Türen sind aus Alu, das Dach aus Kohlefaser-Verbundstoffen, das Auto wiegt insgesamt nur 1280 Kilogramm, der Allradantrieb entkoppelt die Hinterachse, wenn beherzt an der manuellen Handbremse gezogen wird. Kurz: Der Toyota GR Yaris Four High Performance ist ein Rallyeauto für die Straße. Normalerweise bezahlt man das mit einer Menge Stress, die so ein Paket im Alltagsbetrieb mit sich bringt. Hier: absolut null.
So etwas geht nur, wenn ein Auto von Grund auf neu konstruiert wird und sich die zuständigen Abteilungen auf Kompromisse einigen können, die sowohl in der WRC als auch im Alltag funktionieren. Ein Beispiel? Nur zwei seitliche Türen, weil in der WRC aerodynamische Helferleins nicht auf Hintertüren montiert werden dürfen. Dafür musste Gazoo Racing (deshalb GR) rund um Ex-Champ Tommi Mäkinen hinnehmen, dass auch in der zweiten Reihe Sitze sind. Der Schalthebel wurde um fünf Zentimeter erhöht, das manuelle 6-Gang-Getriebe freut sich über entschiedene Schaltmanöver, in unmittelbarer Nähe bietet ein Dreh- und Drückregler die Fahrmodi „Sport“ und „Track“ mit sofort spürbaren Verschärfungen, unter anderem die andere Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse (Normal vorn zu hinten 60:40, Sport 30:70, Track 50:50). Mit dem gleichnamigen Einkaufswagerl hat dieser Yaris also sehr wenig zu tun.
Sein ideales Terrain müssen wir noch bestimmen. Schonendes Warmfahren ist obligat wie bei jedem Rennwagen. Erwartungsgemäß ist die Langstrecke nicht das Habitat des Toyota GR Yaris Four, geht aber, wie auch die Stadt, ohne Pein. Im kurvigen Landgeläuf in jeder Form geht einem das Herz über, enge Straßen, breitere Straßen – völlig egal. Rundstrecke und abgesperrte Flugplätze erlauben Drifts, bis es Gummi von der Felge bröselt, entsprechendes Know-how vorausgesetzt. Frühgeborene erinnern sich eventuell noch an die Eleganz der langen Drifts in ähnlich ausgestatteten Imprezas und Evo-Mitsus. Das ist die Größenordnung von Spaß, von der wir hier reden – und trotzdem noch einmal etwas ganz Eigenes. Eine Anekdote zum Schluss, erlebt bei der Rückgabe unseres Testwagens in Wien, wo neben Toyota und Lexus auch Maserati verkauft werden: „Vor kurzem waren zwei Herrschaften da, die wollten zu ihrem Maserati noch etwas Kleines“, bekommen wir bei der Inspektion des Testexemplars erzählt. „Die sind Probe gefahren und haben den GR Yaris sofort gekauft. Alle beide!“ Die Basisvariante kostet 37.890 Euro, als High Performance sind 43.090 Euro fällig. Wir sagen das nicht leichtfertig, dafür mit der Eleganz, die nur die englische Redewendung schafft: What could possibly go wrong.Wem zwei Sitzplätze in einem Auto vollauf genügen, kann dies auch auf die Alpine anwenden: Eine überzeugendere Darstellung klassischer Sportwagen-Tugenden wird man entschieden diesseits der 100.000 Euro derzeit nicht finden. Um es an einer Zahl zu illustrieren: Der auch nicht fade, etwa gleich teure Porsche Boxster/Cayman wiegt 240 Kilogramm mehr; fast eine Vierteltonne also, die man in der knuffigen Alpine schon ausgebremst hat, bevor der Startknopf gedrückt ist. Was sich danach ins Ohr spielt, ist das Geschehen im Ansaugkanal sehr nah an den Lauschern, denn der 1,8-Liter-Turbo-Vierzylinder ist gleich hinter den Sitzen verbaut. Als Mittelmotor sichert er der Fuhre ihre feine Balance und die fast vorauseilende Bereitschaft zum zackigen Einlenken. Motto: Später bremsen, schneller den Scheitelpunkt gewinnen, früher aufs Gas. Wie der Markenname schon verrät, werden die Autos im Geiste der Ur-Modelle aus den Sixties unverändert für Bergstraßen mit ihrem Wechselspiel aus Steigungen und Gefällen, ihrem endloses Vorrat an Kurven aller Art gebaut. Nettes Gadget: Im Alpine-Menü des Bordsystems werden alle Daten für rennmäßige Analysen geliefert, von Ladedruck über Temperatur der Ansaugluft über Getriebeöltemperatur bis zur sorgfältigen Aufzeichnung von Rundenzeiten, Sprints und G-Forces. Dass die stilistisch so gelungene Alpine dennoch ein tauglicher Alltagsbegleiter ist, der einem keine unnötige Fahrwerkshärte aufdrängt und per Doppelkupplungsautomatik ganz unaufgeregt die Gänge sortiert, spricht für das Gesamtpaket eines Sportwagens, der kein reiner Zweitwagen sein muss.

Ein hübsches Paket Technik schließlich der 508 PSE. Immerhin haben wir drei Motoren an Bord, einen Verbrenner vorn und je eine E-Maschine vorn und hinten. Als Plug-in-Hybrid erlaubt der Peugeot tägliche Pendelei, bei der nur etwas Stromverbrauch anfällt. Wird der Akku stets brav geladen, mischt sich der Turbo-Vierzylinder nur bei Nachdruck am Gaspedal hinzu. Ist der Sportmodus aktiviert, schalten freilich alle Motoren auf Angriff und zaubern beachtliche Sprints auf den Asphalt – kein Wunder mit Elektro-Allrad und dem Schwung von 360 PS. Trotz des bauartbedingt hohen Gewichts verhilft die Abstimmung des PSE-Fahrwerks zu kurvenfreudiger Agilität, und immer wieder staunen wir im 508 darüber, wie sich Peugeots eigenwillige Cockpit-Philosophie – mit dem kleinen Lenkrad etwas über Kniehöhe und freier Sicht auf die Armaturen darüber – am Ende doch ausgeht: Ja, so kann man nicht nur ein bequemes, sondern auch sportliches Auto befehligen.
Ein abschließendes Klassement müssen wir freilich schuldig bleiben: Zu unterschiedlich Konzepte und Charaktere des Trios, das aber doch eins gemeinsam hat: authentischen Sportsgeist bei voller Alltagstauglichkeit und preislicher Bodenhaftung.

(c) Juergen Skarwan

Habe die Kehre

Erklärter Liebling der Fahrstil-Redaktion: Puristisches Leichtgewicht mit Mittelmotor, am liebsten in S-Variante mit fast 300 PS.

Name : Alpine A110 S
Preis : 74.000 Euro
Motor : R4-Zylinder-Turbo, 1798 ccm
Leistung : 292 PS bei 6400/min
Antrieb : Hinterrad
Gewicht : 1114 kg
0–100 km/h : in 4,4 Sekunden
Vmax : 260 km/h
Verbrauch : 7,3 l/100 km nach WLTP

(c) Juergen Skarwan

WRC everyday!

Keine faden Autos mehr, versprach der Toyota-Boss. Hier erstes Resultat der Ansage. Bildet die Basis für Toyotas Einsatz in der Rallye-WM WRC.

Name : Toyota GR Yaris
Preis : 37.890 Euro
Motor : R3-Zylinder-Turbo, 1618 ccm
Leistung : 261 PS
Antrieb : Allrad
Gewicht : 1280 kg
0–100 km/h : in 5,5 Sekunden
Vmax : 230 km/h
Verbrauch : 8,2 l/100 km nach WLTP

(c) Juergen Skarwan

Le Renningenieur lässt grüßen

Weil nicht nur Stil, sondern auch Sport wieder eine Rolle spielt bei Peugeot: Der schöne 508 in Plug-in-hybrider „Sport-Engineered“-Aufmachung.

Name : Peugeot 508 Sport Engineered
Preis : 67.200 Euro
Motor : 1,6-l-Benziner, Elektro (2x)
Leistung : 360 PS (System)
Antrieb : Allrad
Gewicht : 1875 kg
0–100 km/h : in 5,2 Sekunden
Vmax : 250 km/h
Verbrauch : 2,0 l/100 km nach WLTP

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