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BMW

Herz und Niere

Kurt Seidler, 87, den Blick mit väterlicher Güte über den erweiterten Familienkreis schweifend.(c) Juergen Skarwan
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Schnelle BMW und ein klärendes Wort in Sachen Kühlergrill: die Sammlung Kurt Seidler.

Es soll einer Automarke nichts Schlimmeres passieren, als dass sich die Fans über den Kühlergrill eines neuen Modells ereifern. Dazu muss man nämlich erst einmal Fans haben, und im Idealfall sind es solche wie Kurt Seidler. Man kennt den Mann, zumindest die Firma, die er gegründet hat, den Farbenspezialisten Sefra. Neben Familie und Firma hat Kurt Seidler auch die beträchtliche Lebensleistung einer umfangreichen Sammlung von Autos (hauptsächlich BMW), Motor- und Fahrrädern und allerlei interessantem technischen Krimskrams vorzuweisen. Es ist dies außerhalb von München wohl der bestmögliche Ort, auf Nierensuche zu gehen. Denn das ist es, was die Fans aktuell umtreibt: Ist der Kühlergrill, sprich die seit Jahrzehnten, ja fast seit Anbeginn der Marke als stilistisches Wahrzeichen gepflegte BMW-Niere am neuen 4er wirklich so ein Unding, wie viele in der Wolle blau-weiß Gefärbte greinen? Oder lebt wahre Huldigung nicht auch von der Freude an Zwischentönen, wie zu einer stabilen, erprobten Beziehung gelegentlich Zank und Zwist gehören?

Wer findet den V8 unter Reihensechsern und einem Vierzylinder? Hinweis: Gut versteckt ist er nicht.(c) Juergen Skarwan
Der 4er in markantester Ausprägung als 510 PS starker M4 Competition. Die Farbe heißt Sao-Paulo-Gelb.(c) Juergen Skarwan


Nimmt man die Nierensache eher locker, womit unser Standpunkt beschrieben wäre, ist der neue M4 weit entfernt von einem Unding. Insignien hoher Leistungsausbeute trug schon der erste M3 von 1986, Flügel, Spoiler, Schweller. Die Neigungsgruppe M war nie etwas für den wirklich diskreten Auftritt.

Nun ein Kühlergrill in Radiatorengröße, das bringt den verständigen Enthusiasten auch nicht aus der Fassung: Dass die BMW-Niere seit jeher einer ständigen Wandlung in Form und Größe unterworfen ist, variiert durch die Anordnung der Lamellen (vertikal, horizontal, beides), lässt sich gerade an Kurt Seidlers imposanter Sammlung ablesen. Es beginnt bei der säulenartig schlanken und hohen Doppelniere, die dem BMW 502 Super V8 vorsteht, das erste Auto der Sammlung und seit 40 Jahren im Familienbesitz. Für BMW war der teure „Barockengel“ weniger segensreich, aber das ist eine andere Geschichte.

510 PS aus drei Liter Hubraum: Im historischen Kontext absehbar, dennoch imposante Leistung.(c) Juergen Skarwan
Die Carbon-Schalensitze sind Teil des optionalen „M Race Track“-Pakets. Wenn schon, denn schon!(c) Juergen Skarwan

Längst ist die Lücke zu den Anfängen der Marke gefüllt, vom 328 von 1938, den Seidler für den schönsten Vorkriegs-Sportwagen überhaupt hält, bis zum Dixi von 1930, der Lizenzbau, mit dem alles begann auf vier Rädern. Spektakulär ist Seidlers Ahnenreihe von Coupés, mit der sich eine eigene Sonderschau bespielen ließe: 2000 C, BMW 3000, dessen Karosserie bei Frua in Italien gefertigt wurde, der von Bertone geschneiderte 3200 CS mit V8, das „Batmobil“ 3.0 CSL in Rundstreckenausführung, der böse 2002 Turbo, der 1974 mit 170 PS Porsche-Rückspiegel terrorisierte, schließlich die schnelle Ecke der M-Fahrzeuge, beginnend mit erwähntem 1989er-M3, die Seidler mit seiner Vergangenheit als Hobbyrennfahrer besonders am Herzen liegen.
Es wäre auch für den M4 Competition eine Rennstrecke nah am Wohnort von Vorteil. Zwar finden sich noch Straßen, die Einträge in den bordeigenen „M Drift-Analyser“ ermöglichen, aber für öffentliches Geläuf ist die jüngste Eskalationsstufe der M-Linie schon ein dickes Kaliber.

Horizontale Lamellen, eine jüngere Entwicklung, jede Menge Sensorik dahinter.(c) Juergen Skarwan

Die Fans werden es aushalten, und davon abgesehen halten wir den neuen M4 für den besten M seit zumindest mehreren Generationen, einzureihen vielleicht gleich hinter dem E30-Urtyp und M3 CSL. Zur immer schon gepflegten Übermotorisierung schlagen sich ein besonders schnelles Ansprechverhalten des doppelt aufgeladenen Sechszylinders (dem übrigens erst eine entsprechend große Öffnung an der Front ausreichend Kühlluft zuführen kann), das Comeback einer gefühlvollen Lenkung, ein nochmals präzisiertes Fahrwerk und mehr wachsame und hilfreiche Elektronik, als man überblicken kann. Von den unschuldigen, analogen Freuden früherer Tage sind wir damit schon weit entfernt, aber es ist keineswegs so, dass einem im Neuen die Mundwinkel nicht nach oben entgleiten würden. Womöglich haben wir es mit einem Höhepunkt der Verbrennerära zu tun, ein rein elektrischer M ist ja bereits angesagt, und von da an könnte alles sehr schnell gehen. Ob sich Kurt Seidler mit seiner Sammlung darauf einlassen wird, ist ungewiss. Aber was morgen passiert, tangiert die Klassik nicht.

(c) Juergen Skarwan

Die liebe M-Familie
Power auf Supercar-Niveau, optional mit manuellem Getriebe und demnächst auch mit Allrad. Als M3 mit vier Türen und auch als Touring.

Name : BMW M4 Competition
Preis : 105.950 Euro
Motor : R6-Zylinder-Turbo, 2993 ccm
Leistung : 510 PS bei 6250/min
Antrieb : Hinterrad
Gewicht : 1800 kg (EU)
0–100 km/h : in 3,9 Sekunden
Vmax : 290 km/h
Verbrauch : 11,5 l/100 km im Test