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Biologie

Schmetterlinge spiegeln den Zustand unserer Ökosysteme

Dramatisch viele Schmetterlings-Arten sind mittlerweile aus den Salzburger Landschaften verschwunden.
Dramatisch viele Schmetterlings-Arten sind mittlerweile aus den Salzburger Landschaften verschwunden.Imago
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Salzburger Forscher haben in Zusammenarbeit mit dem Haus der Natur untersucht, wie sich die heimische Schmetterlingsfauna in den vergangenen 40 Jahren verändert hat. Der Befund: Dramatisch viele Arten sind mittlerweile aus den Salzburger Landschaften verschwunden.

Zygänen, die wegen der roten Flecken auf den schwarzen Flügeln auch „Blutströpfchen“ genannt werden, gehören zu den besonders sensiblen Schmetterlingsarten in unseren Breiten. Die tagaktiven Nachtfalter, die man früher noch recht häufig auf bunten Wiesen gesehen hat, sind heute fast verschwunden. „Die Bestände der Zygänen sind in den vergangenen 40 Jahren so massiv eingebrochen wie bei keiner anderen Schmetterlingsgruppe“, erklärt Jan Christian Habel, der an der Universität Salzburg die Arbeitsgruppe Zoologische Evolutionsbiologie leitet.

Gemeinsam mit seinem Team hat er in einer aktuellen Studie untersucht, wie sich die Schmetterlingsfauna seit den 1980er-Jahren im Bundesland Salzburg verändert hat. Sein Befund: In den tieferen Lagen sieht es schlecht aus, sowohl die Zahl der Schmetterlingsarten als auch deren jeweilige Bestandsdichten sind stark zurückgegangen. Einige Arten sind vollständig verschwunden, und die Anzahl der lokalen Vorkommen der Arten hat sich halbiert. In den höher gelegenen Gebieten ist die Situation bislang noch deutlich besser. In einer gerade abgeschlossenen weiteren Untersuchung hat sich noch etwas gezeigt: Innerhalb von drei bis vier Jahrzehnten sind aufgrund der steigenden Temperaturen viele Falterarten in 300 bis 400 Meter höher gelegene Lebensräume gewandert.

Kleine Flatterer als Insekten-Seismograf

Als Basis für die Studien dienten den Biologen die Funde, die in der Biodiversitätsdatenbank am Haus der Natur in Salzburg zusammengetragen werden. Die ersten Nachweise reichen bis 1870 zurück und sind akribisch mit Artenbezeichnung, Fundort, GPS-Koordinaten und Datum erfasst. „Die Qualität dieser Datenbank ist einmalig“, sagt Habel. Die Salzburger Forscher haben die Schmetterlingsnachweise der vergangenen 40 Jahre herausgegriffen und sie mit Informationen über die Landnutzung der Fundorte in Beziehung gesetzt. Dafür wurde das ganze Bundesland in Quadrate mit jeweils fünf Kilometern Seitenlänge eingeteilt und diesen Zellen Geodaten wie Landschaftstypen, Topografie, Hanglage, Nutzungsart und Klima zugewiesen. So wurde deutlich, dass der Verlust an Lebensräumen sowie die intensivierte Landnutzung einen direkten Zusammenhang mit der Vielfalt der nachgewiesenen Schmetterlinge haben.

Der Zustand dieser Insektenart spiegelt den Zustand der Ökosysteme wider, weil Schmetterlinge äußerst sensibel auf Veränderungen im Lebensraum reagieren. „Dort, wo es den Schmetterlingen schlecht geht, geht es den Insekten generell schlecht. Und damit wird die Nahrungskette gestört, was wiederum dazu führt, dass auch Vögel, Fledermäuse oder Kleinsäuger unter dem Rückgang von Schmetterlingen und Insekten leiden“, erläutert Habel.

Kleine Schutzgebiete reichen nicht aus, es braucht großflächigen Schutz, um die Vielfalt zu fördern. „Wenn links und rechts von einem geschützten Moor alles entwässert wird, sinkt auch dort der Grundwasserspiegel“, erläutert der Biologe. Pestizide, die am Rande von geschützten Arealen verwendet werden, werden durch Luft und Wasser auch dort eingetragen. All das hat direkte Auswirkungen auf Flora und Fauna. „Die eigentliche Bedrohung ist derzeit der Rückgang der Qualität der noch vorhandenen Lebensräume“, sagt Habel. Dadurch habe der schleichende Artenverlust in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen. „Je spezialisierter eine Art ist, umso anfälliger ist sie“, stellt Habel klar. Deshalb sind Schmetterlingsarten, die vor allem auf Magerwiesen, in Mooren oder Heidelandschaften leben, selten geworden, wie etwa die Bläulinge, Scheckenfalterarten, Perlmuttfalter oder eben die Zygänen. Generalisten – wie das Tagpfauenauge, der Kohlweißling, das Ochsenauge, der Kleine Fuchs oder der Admiral – können mit den Veränderungen besser umgehen.

Sorge bereitet dem Biologen auch die Wanderung in die Höhe. Schmetterlinge, die bestimmte Ökosysteme – wie etwa Moore - brauchen, würden damit langfristig verschwinden. Der Blauschillernde Feuerfalter, eine kälteadaptierte Art, ist so eine flatternde Schönheit aus der Familie der Bläulinge, die immer stärker unter Druck gerät, weil Lebensräume zerstört werden und es immer wärmer wird.

In Zahlen

2000 Schmetterlingsarten sind in Salzburg nachgewiesen, darunter 152 Tagfalterarten. Der Rest teilt sich jeweils zur Hälfte in andere Großschmetterlinge und mottenartige Kleinschmetterlinge auf. Die Bestände der Schmetterlinge sind hier über die vergangenen Jahrzehnte um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

300–400 Höhenmeter sind manche Schmetterlingsarten in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten nach oben gewandert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2021)