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Junge Forschung

Proteine außer Rand und Band

Karoline Kollmann beschäftigt sich mit CDK-Inhibitoren, einer relativ neuen Gruppe von Arzneistoffen zur Behandlung von Krebserkrankungen.
Karoline Kollmann beschäftigt sich mit CDK-Inhibitoren, einer relativ neuen Gruppe von Arzneistoffen zur Behandlung von Krebserkrankungen.Caio Kauffmann
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Krebsforscherin Karoline Kollmann untersucht an der Veterinärmedizinischen Universität Wien den Einflussfaktor bestimmter Enzyme bei Entstehung und Wachstum von Tumoren.

Schnelle Erfolge sind in der Entwicklung von Medikamenten selten. Karoline Kollmann durfte einen solchen allerdings schon während ihres Doktoratsstudiums an der Med-Uni Wien miterleben. „Die Forschungsgruppe, der ich angehörte, konnte einem Leukämiepatienten mit einem neuen Inhibitor (Hemmstoff; Anm.)das Leben retten. Das war fantastisch.“ Möglich machte das ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Der Wirkstoff war bei einer anderen Form von Leukämie bereits am Menschen getestet, im Forschungsteam waren auch Ärzte involviert und der Patient, dem es sehr schlecht ging, galt als austherapiert und unheilbar krank. Das neu eingesetzte Medikament wirkte – der Mann war nach einigen Wochen tumorfrei.

Die Anfänge ihrer Karriere als Krebsforscherin reichen allerdings noch weiter zurück. Als junge Biologin an der Universität Salzburg, ihrer Heimatstadt, kooperierte Kollmann für ihre Masterarbeit über die Reaktion von Zellen auf äußere Signale bei Brustkrebs mit der Pathologie des Landeskrankenhauses. Hier erlebte sie die Relevanz des Experimentierens im Labor hautnah. „Es hat mich sehr fasziniert, wie es dazu kommt, dass Krebs entsteht. Ich wollte mehr darüber wissen“, sagt die heute 38-Jährige.

Ein Enzym, das Tumore stoppen kann

Nach dem Doktorat an der Medizinischen Universität Wien und einem vierjährigen Postdoc-Auslandsaufenthalt an der Universität Cambridge in Großbritannien forscht sie heute – mittlerweile mehrfach preisgekrönt – an der Veterinärmedizinischen (Vet-Med) Universität Wien. Im Zentrum ihres Interesses steht ein Enzym mit der Abkürzung CDK-6. Das kommt nicht von ungefähr: Hat Kollmann doch in ihrer Doktorarbeit eine bis dahin unbekannte Funktion dieses Proteins, das auch im menschlichen Körper vorkommt, entdeckt. Seither lässt sie der Stoff nicht mehr los.

Proteine stellen in den Zellen das Gleichgewicht zwischen Zellteilung, Differenzierung und Zelltod sicher. Wird diese Balance gestört, kann Krebs entstehen. CDK-6 ist für die Regulation der Zellteilung zuständig. „Lange Zeit glaubte man, das ist die einzige Aufgabe von CDK-6, aber wir konnten zeigen, dass es auch die Expression von Proteinen reguliert.“ Das bedeutet, das Enzym stimuliert das Wachstum von Blutgefäßen. Für die Entstehung und die Therapie von Krebs ist das deshalb von Bedeutung, weil jeder Tumor neue Blutgefäße braucht, um sich zu „ernähren“. Darüber hinaus spielt CDK-6 auch eine Rolle in Blutstammzellen. „Viele Leukämieformen haben ihren Ursprung in der Blutstammzelle, dort kommen Mutationen vor“, erklärt Kollmann. „Das führt dazu, dass diese Blutstammzellen sich ständig teilen, nicht mehr sterben, aggressiv sind oder an Orte wandern, wo sie nicht sein sollen, und Tumore bilden. Inhibiert man CDK-6, kann das die Erkrankung minimieren.“

Bis solche Erkenntnisse in die Behandlung von Patientinnen und Patienten fließen, ist es ein weiter Weg. Als Wissenschaftlerin brauche man dabei einen langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz. Und so beschreibt Kollmann als einen ihrer schönsten Forschungsmomente jenen Tag, an dem ihre Studie über die Bedeutung von CDK-6 für das Wachstum von Blutgefäßen in einem renommierten Fachmagazin akzeptiert wurde. „Das war ein langer Kampf, weil sich viele, die bisher zu CDK-6 gearbeitet haben, vor den Kopf gestoßen fühlten.“ Immer noch wisse man nur wenig über das Protein. Aktuell widmet sich Kollmann der Klärung der Behandlungseffekte auf das gesamte Blutsystem und der Erforschung neuer Inhibitoren, um alle Funktionen von CDK-6 therapeutisch nutzen zu können.

Es gebe noch viel zu tun, meint sie. Den Kopf bekommt sie am besten im Garten und beim Sport frei. Außerdem halten sie ihre zwei Kinder auf Trab. Hin und wieder stürzt sich Kollmann für die beiden in ein Nähprojekt. „Kindergewand zu nähen ist der Laborarbeit nicht unähnlich“, meint sie lachend. „Man stößt immer wieder an seine Grenzen oder kommt drauf, dass etwas doch nicht so funktioniert, wie man es sich in der Theorie überlegt hat.“ Spaß mache es ihr trotzdem – oder möglicherweise genau deswegen.

Zur Person

Karoline Kollmann (38) forscht am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Vet-Med-Uni Wien zur Entstehung von Krebs. Nach ihrer Promotion 2010 an der Med-Uni Wien und vier Jahren als Postdoc-Forscherin an der Universität von Cambridge (GB) kehrte sie 2016 zurück nach Österreich. Ihre Arbeit wurde u. a. mit dem Elisabeth-Lutz-Preis der ÖAW ausgezeichnet.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2021)