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„Schnell ganz anders arbeiten“

Porträt. Lean Management gepaart mit agilen Elementen habe sich bewährt, ist Christine Sumper-Billinger, kaufmännische Geschäftsführerin des Bundesrechenzentrums (BRZ), überzeugt.

Von der vollständigen Rückkehr zur Normalität möchte Christine Sumper-Billinger nicht sprechen. Auch wenn man schon einige Schritte in diese Richtung gemacht habe. Wichtiger ist der kaufmännischen Geschäftsführerin des Bundesrechenzentrums (BRZ), die unter anderem auch für den Personalbereich verantwortlich ist, dass es mit der Pandemie gelungen sei, „schnell ganz anders zu arbeiten“. Zu 100 Prozent aus dem Home-Office, jedenfalls dort, wo es betrieblich möglich war und ist, wurden zusätzliche Aufgaben übernommen: die IT-Unterstützung der Covid-19-Finanzierungsagentur des Bundes (Cofag), der Gurgeltests, der Kurzarbeitsabrechnung. Aktuell sind rund 45 Mitarbeitende des BRZ bei der Umsetzung des Grünen Passes aktiv, der in Kooperation mit mehreren Stakeholdern entsteht. Auch hier arbeitet das BRZ so wie in vielen Projekten mit der IT-Branche zusammen.


Gesundheit im Blick haben

Günstig war, dass das BRZ, das E-Government-Services für den öffentlichen Sektor entwickelt und betreibt, schon vor der Pandemie die Möglichkeit von zwei Home-Office-Tagen pro Woche eingeführt hatte. Auch wenn das, wie Sumper-Billinger einräumt, „eher zurückhaltend angenommen wurde – bis zum Corona-Shift“. Gut auch, dass die Mitarbeitenden an flexibles Arbeiten gewohnt waren: Das habe sich in den vergangenen Monaten bewährt, sagt Sumper-Billinger. Wobei sie auch nicht verhehlt, dass die Arbeit von zu Hause aus für einige Mitarbeitende eine große Belastung war und ist und auch die Abgrenzung von Beruf und Privatleben ein Thema sei.

Auch deswegen habe man das Ausbildungsprogramm für Führungskräfte adaptiert und um Module zum hybriden bzw. virtuellen Führen ergänzt. Spezielles Augenmerk liegt darauf, dass Führungskräfte die physische und mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden im Blick haben. Arbeitspsychologische Angebote, Coachings, flexible Arbeitsmöglichkeiten gehören daher zum Angebot an die Mitarbeitenden wie Dienstfahrräder, Sportangebote oder Haltungsgymnastik.


Fokus auf das Notwendige

Als günstig, um gut durch die Krise zu kommen, erwies sich auch, dass das Haus vor zweieinhalb Jahren sukzessive auf Lean Management umgestiegen war. Mit Unterstützung externer Lean-Coaches wurden die Arbeitsbereiche aller 1400 ohnehin agil agierenden Mitarbeitenden beleuchtet und adaptiert, um dem Ziel von Lean Management gerecht zu werden: „Werte ohne Verschwendung schaffen“. Das heißt, alle Aktivitäten optimal aufeinander abzustimmen und Überflüssiges zu vermeiden. „Der Fokus liegt auf den notwendigen Tätigkeiten“, sagt Sumper-Billinger. Und zwar aus Sicht der Kunden, deren Wünsche es optimal zu erfüllen gilt, und aus Sicht des Unternehmens, das kostensparend arbeiten soll.

Angewandt, sagt Sumper-Billinger, wird das Scaled Agile Framework (Safe), das über die Grenzen der agil arbeitenden Teams Abstimmung, Zusammenarbeit und Ausführung fördert. Eine der konkreten Ableitungen sind etwa die „daily huddles“: Kurze, 15, maximal 20 Minuten dauernde Besprechungen, die dazu dienen, die Tätigkeiten im Team zu strukturieren und einen groben Überblick über das zu geben, was die anderen Teammitglieder gerade tun und wo sie allenfalls Unterstützung brauchen.

„Mittlerweile arbeitet fast das gesamte Haus lean“, sagt Sumper-Billinger, das sei eine gute Antwort auf die beschleunigte Arbeitswelt. Tempo ist gefragt. Auch weil sich das Tempo der Angreifer von außen erhöht hat: Pro Sekunde registriert das BRZ drei cyberkriminelle Angriffe, pro Monat fängt es knapp 640.000 Spam-Mails ab.


Mitarbeitende selbst ausbilden

Lean zu arbeiten passe auch gut zum Nachhaltigkeitsansatz, den das BRZ lebt. Mit der Abwärme der Geräte wird geheizt, moderne Geräte sparen Strom. Nachhaltig legt Sumper-Billinger auch ihre Personalstrategie an. Trotz des umkämpften Marktes stellte sie in den vergangenen drei Jahren rund 200 zusätzliche Mitarbeitende ein, auch wenn es zuletzt schwierig war, geeignete Coding-Lehrlinge zu finden: Was dazu beitrug, waren Instagram-Talks, bei denen Bewerber mit Experten reden konnten, FemCareer-Nights (26 Prozent der Führungskräfte und 25 Prozent aller Mitarbeitenden sind weiblich) und vor allem die Ausbildung im eigenen Haus: „Seit 2017 haben wir mehr als 100 Trainees praxisorientiert und hands-on unterrichtet und zu IT-Experten ausgebildet.“

Weil zu Beginn von Normalität die Rede war: Eine Fluktuation von 5,6 Prozent ist für das BRZ normal. Die, sagt sie, sei auch wegen des Retention-Programms so niedrig mit Onboarding, Buddy-System, Weiterbildung und Karrieremöglichkeiten im Haus.

ZUR PERSON

Christine Sumper-Billinger (47) ist seit 2007 kaufmännische Geschäftsführerin des Bundesrechenzentrums (BRZ) und unter anderem für Finanz- und Beschaffungswesen, Controlling, Recht, Personal, Beteiligungs- und Risikomanagement verantwortlich. Davor war die Handelswissenschaftlerin als Steuerberaterin tätig gewesen, ehe sie ins Finanzministerium wechselte, wo sie ab 2006 als stellvertretende Kabinettschefin fungierte. Anschließend kam sie zum BRZ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2021)