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Ausbildung

Lehre: So schlimm ist es nicht geworden

Das Arbeitsmarktservice (AMS) vermeldete 6373 sofort verfügbare Ausbildungsplätze, um 39 Prozent mehr als vor einem Jahr.
Das Arbeitsmarktservice (AMS) vermeldete 6373 sofort verfügbare Ausbildungsplätze, um 39 Prozent mehr als vor einem Jahr.Imago
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Derzeit gibt es deutlich mehr Lehrstellen als Lehrlingsanwärter. Aber die Lage ist komplizierter. Die Regierung will das Image der Lehre aufpolieren.

Wien. Die Alarmstufe war hoch: Wegen der Coronakrise könnten bis zu 10.000 Lehrstellen fehlen, hieß es vor einem Jahr seitens der Gewerkschaft. Damals war die Krise jung und die Folgen ungewiss, Österreich hatte den ersten Lockdown gerade hinter sich. Nun zeigt sich: Gar so schlimm ist es nicht gekommen. Im Mai gab es sogar deutlich mehr offene Lehrstellen als Suchende: Das Arbeitsmarktservice (AMS) vermeldete 6373 sofort verfügbare Ausbildungsplätze, um 39 Prozent mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig suchten 5443 Junge per sofort eine Lehrstelle. Noch deutlicher wird das, wenn man auch die nicht sofort verfügbaren Stellen und Bewerber einbezieht – etwa weil ein Betrieb erst im September Lehrlinge einstellt oder ein Jugendlicher noch die Schule beenden muss: Auf 18.565 Lehrplätze kamen nur 11.456 Suchende.

Es seien aktuell sogar mehr offene Lehrstellen gemeldet als im Boom-Jahr 2019, sagte Arbeitsminister Martin Kocher am Freitag vor Journalisten. „Wir sehen eine zunehmende Entspannung auf dem Arbeitsmarkt“, so Kocher, und das gelte auch für den Lehrstellenmarkt. In allen Bundesländern bis auf Wien gebe es einen Überschuss an Lehrstellen. Womit man beim weniger erfreulichen Punkt angekommen wäre. Die Lehrlingssituation ist regional höchst unterschiedlich: Während es in Wien deutlich mehr Bewerber als offene Stellen gibt, herrscht insbesondere in Oberösterreich und Salzburg ein Mangel an Bewerbern. Der dürfte sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen, denn die Demografie ist gnadenlos: Seit dem Jahr 2008 ist die Zahl der 15-Jährigen in Österreich fast durchgehend gesunken – mit Ausnahme der Jahre 2018 und 2020. Es gibt also immer weniger potenzielle Lehrlinge. Die Zahl der Lehranfänger ist seit 1970 von 45.500 auf 32.000 zurückgegangen.

Kein Wunder also, dass die Sorge in der Wirtschaft wächst. „Heute werden Lehrlinge dringender gesucht als je zuvor“, sagte Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) am Freitag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Arbeitsminister. Die Auftragsbücher seien voll, vor allem in der Industrie. Die Unternehmen brauchten Fachkräfte. Und Werner Steinecker, Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich, trommelt eine Erhebung, laut der in Österreich im Jahr 2030 eine halbe Million Fachkräfte fehlen und dem Land 50 Mrd. Euro an Wertschöpfung entgehen, „wenn hier nicht gegengesteuert wird.“ Steinecker ist neben seinem Brotjob Präsident des Vereins Zukunft.Lehre.Österreich, der das Image der Lehre aufbessern will. Wobei ohnehin ordentlich gegengesteuert wird: Die Regierung hat etwa im Rahmen des Lehrlingsbonus 50 Millionen Euro Förderung an Unternehmen ausgezahlt, die Lehrlinge aufnehmen.

„Mismatch“ auf dem Lehrstellenmarkt

Fraglich ist, wie treffsicher dieser Lehrlingsbonus ist. Die Arbeiterkammer vermutet starke Mitnahmeeffekte und hält die Maßnahme daher für wenig effektiv. Das räumt sogar das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) ein: Mitnahmeeffekte seien bei einem derartigen Förderinstrument per se inkludiert und von vornherein unvermeidbar, heißt es in einer aktuellen Evaluierung des Lehrlingsbonus durch das ibw.

Theoretisch, also den Zahlen nach, stehe für jeden Lehrstellensuchenden eine Lehrstelle zur Verfügung. Es gebe aber ein „Mismatch zwischen Angebot und Nachfrage“, sagte Arbeitsminister Kocher. Über eine neue Onlineplattform will er Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. Bisher waren etwa 85 Prozent der offenen Lehrplätze beim AMS ausgeschrieben. Stellen, die direkt bei Unternehmen verfügbar sind, schienen jedoch nicht auf. Auf „Allejobs“ lassen sich nun fast alle online verfügbaren Lehrstellen gesammelt abrufen.

Ob es damit getan ist? Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, wiederholte am Freitag die Klage über das ausbaufähige Image der dualen Ausbildung: „Man gilt nur etwas, wenn man Matura und eine akademische Ausbildung hat – das ist historisch bedingt eine Fehlentwicklung.“ Die Ausbildung eines Lehrlings in der Industrie koste im Durchschnitt 100.000 Euro, „die wir als Investition sehen“. Die Regierung will nun verstärkt AHS-Absolventen, Frauen und Erwachsene motivieren, in die Lehre zu gehen. Außerdem sollen Lehrberufe laufend modernisiert werden. All das soll helfen, die duale Ausbildung attraktiver zu machen.

 

Sorge um mangelnde Lehrstellen

Die Arbeitnehmerseite sieht die Lage naturgemäß anders: Arbeiterkammer und Gewerkschaft sorgen sich mehr um einen Mangel an Lehrstellen denn um zu wenig Bewerber. Im Herbst könnte sich die Lage verschlimmern, weil mehr Schulabgänger und Insolvenzen von ausbildenden Firmen zu erwarten sind, fürchten sie und fordern mehr staatlich finanzierte Ausbildungsplätze für Jugendliche, die keine Lehrstelle in einem Betrieb finden.

In einem Punkt sind sich Wirtschafts- und Arbeitnehmervertreter also einig: Zuständig ist die Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2021)