Fachfremder Unterricht: Wenn Lehrer "fremdgehen"

(c) Clemens Fabry
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Dass Hauptschullehrer Fächer unterrichten, die sie mangels Ausbildung eigentlich nicht beherrschen, ist schon lange Usus. Das Problembewusstsein fehlt.

Wien. Ein Chemieunterricht ohne Experimente, ein Musikunterricht ohne Gesang und ein Turnunterricht ohne Eislauf- oder Schwimmstunden: Wenn Lehrer in Fächern unterrichten, für die sie gar nicht ausgebildet wurden, kann das zur Realität werden. Und ist vielerorts bereits zur Realität geworden. Von Seiten der Behörden heißt es zwar, der Einsatz von Hauptschullehrern in so genannten „Fremdfächern“ sei lediglich eine Notmaßnahme. Die Lehrer selbst sprechen jedoch von einem „Massenphänomen“.

Wie viele Lehrer in Österreich tatsächlich in „fremden“ Fächern unterrichten, ist „ein schmutziges kleines Geheimnis“, sagt Stefan Hopmann, Schul- und Bildungswissenschafter an der Uni Wien. Der Bund weist alle Schuld von sich: Die Ministerin habe kein diesbezügliches Informations- und Weisungsrecht. Der dafür zuständige Landesschulrat ist zwar eine organisatorische Bundesbehörde, in diesem Fall aber als Organ des Landes tätig. Doch auch in den Länder gibt es keine Zahlen.

In einer im Juli verfassten parlamentarischen Anfragebeantwortung der Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) heißt es etwa, dass die Anzahl der ungeprüft unterrichteten Schulstunden für die Landesregierung „bloß untergeordnete Bedeutung“ habe. Die Landesregierung ist lediglich für die Vollziehung des Dienstrechtes zuständig und aus dienstrechtlicher Sicht ist der Einsatz nicht-fachgeprüfter Lehrkräften unproblematisch.

Ein Problem, das keinen aufregt?

Im Gesetz heißt es dazu: Landes- wie auch Bundeslehrer haben erforderlichenfalls Unterricht in Gegenständen zu erteilen, für die sie nicht lehrbefähigt sind. Ob dieser Einsatz auch aus pädagogischer Sicht unproblematisch ist, müsste vom für die pädagogischen Belange zuständigen Landesschulrat geklärt werden.

Eine Gesetzesänderung, die zu einem ausschließlichen Einsatz fachgeprüfter Lehrern führen würde, hält derzeit kaum jemand für erforderlich. Weder für die Landesschulräte noch für die Lehrer selbst sei die Sache ein Aufregerthema: „Das ist seit mindestens 50 Jahren Usus“, sagt der oberste Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Walter Riegler. Ein Fach zu unterrichten, in dem man keine Fachkenntnisse hat, sei nicht so schlimm wie vorerst angenommen, sagt auch ein junger oberösterreichischer Hauptschullehrer im Gespräch mit der „Presse“. Seinen Namen will er nicht nennen.

Lehrbefähigt ist er für die Fächer Englisch und Turnen, in seinem ersten Unterrichtsjahr muss er nun auch Physik unterrichten. „Ich stand schon ein Jahr auf der Warteliste. Nur wegen ein paar Physikstunden lehne ich doch den Job nicht ab.“ Selbst Musik, sein „absolutes Angstfach“, hätte er unterrichtet, wenn die Schule das von ihm verlangt hätte. Singen könne er nicht, die Theorie hätte er sich aber aneignen können.

Bei der Planung des Physikunterrichts wird er nun von seinen Kollegen unterstützt. Einziger Haken dabei: Geprüften Physiklehrer gibt es an seiner Schule keinen. Auf die Vorführung der ersten Versuche im Physikunterricht müssen seine Schüler noch warten. Bislang ist er noch zu unsicher – und den Schülern im Stoff nur einige wenige Stunden voraus.

Genau hier zeigt sich für Hopmann das Problem dieses Systems. Dass Lehrer selbst keine Schwierigkeiten haben, den Stoff eines fremden Faches zu verstehen, sei klar. Es gehe aber um mehr, nämlich darum, den Stoff „perfekt vermitteln zu können“. „Ein Lehrer sollte 150 verschiedene Wege kennen, um ein und das selbe zu erklären.“ Von Fachfremden könne das nicht erwartet werden.

Dass es einen klaren Zusammenhang zwischen der fachdidaktischen Ausbildung der Lehrer und der Unterrichtsqualität sowie der Lernverläufe gibt, sei sogar statistisch bewiesen. Würden einzelne Lehrer fast alle Fächer für fast alle Lerntypen, Alters- und Kulturgruppen unterrichten können, müssten sie „Wunderwuzzis“ sein, so Hopmann.

Eine „willkommene Abwechslung“

Die Schulgröße sei ausschlaggebend dafür, dass der nicht fachgeprüfte Unterricht Haupt- und an Polytechnischen Schulen, nicht jedoch an AHS Normalität ist, sagt Gewerkschaftschef Riegler. „Würde das Gleiche an den AHS passieren, gäbe es einen Aufschrei der Eltern. In der Hauptschule wird es akzeptiert“, meint Hopmann. Das eigentliche Problem sei nicht die Schulgröße, sondern der unflexible Einsatz der Lehrer. (Lösungsvorschläge siehe Infobox.)

Der fachfremde Unterricht sei dennoch nicht ausschließlich negativ, hört man aus der Praxis: Für Lehrer könne das „eine willkommene Abwechslung“ sein, meint der Pflichtschullehrervertreter Armin Rossbacher.

Eine Aussage, die für Stefan Hopmann einmal mehr das oft fehlende Problembewusstsein illustriere: „Die Kinder werden massiv unterschätzt. Sie haben das Recht auf bestens ausgebildete Lehrer.“

Auf einen Blick: Lösungsvorschläge

Lehrerteams: Der Wiener Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann will Lehrerteams für eine flexiblere Aufgabenverteilung. Das System „Ein Lehrer, eine Klasse, ein Fach“ sei veraltet. Lehrer sollten nicht an einen Standort gebunden, Klassengrößen müssten variabel sein.

Fächerkombination: Dagmar Hackl, Rektorin der PH Wien, fordert für Hauptschullehrer die freie Wahl der Unterrichtsfächer bei der Ausbildung. (Bislang müssen diese verpflichtend zumindest ein Hauptfach wählen.) So sollen künftig verstärkt Lehrer für Mangelfächer gefunden werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2010)

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