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Morgenglosse

Draufhalten, auch wenn es weh tut

Fans wollen Christian Eriksen Kraft und gute Wünsche senden.
Fans wollen Christian Eriksen Kraft und gute Wünsche senden.GEPA pictures
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Millionen Zuseher waren live dabei, als der dänische Fußballspieler Christian Eriksen auf dem Spielfeld wiederbelebt wurde. Ein klarer Verstoß gegen die Würde des Menschen.

Die Bilder der starren Augen von Christian Eriksen, der regungslos auf dem Spielfeld liegt, finden sich in Presse-Archiven, in sozialen Medien, sie sind überall. Die Sportfotografen, gerade noch im Wettstreit um spannende Spielszenen, haben weiterfotografiert. Auch die Kameraleute haben draufgehalten, wie es im Jargon heißt. Als ersichtlich wurde, dass hier ein Mensch um sein Leben kämpft, wurden die entsetzten Gesichter der Mannschaftskollegen und der Fans ins Visier genommen. Eine oft bemühte Methode, Grauen sichtbar zu machen, über die Bande sozusagen. Stürzt ein Flugzeug ab, werden weinende Angehörige in der Ankunftshalle gezeigt, nicht der abgerissene Fuß am Absturzort.

Gute 15 Minuten dauerte es im Schnitt bei den Fernsehanstalten – etwa ZDF, BBC, ORF – bis ins Studio geschaltet wurde, zu einem Werbeblock oder zu irgendeiner Konserve. Ein glattes Versagen der Verantwortlichen. Am Tag darauf gab es von Seiten der Fernsehanstalten die üblichen Floskeln, Entschuldigungen dafür, „verstörende Bilder“ geliefert zu haben.

Fotografen und Kameraleute haben nur ihren Job gemacht. Es ist die Aufgabe der Regie in den Studios, wegzuschalten. Es ist auch Aufgabe der  Vorgesetzten, rasch zu reagieren, wenn Moderatoren, wie im Fall des ORF, sichtlich von der Situation überfordert sind. In so einem Fall geht es nicht um Performance und Quoten, sondern um die Würde des Menschen. Die Szenen aus dem Stadion waren zutiefst berührend. Wir hätten sie nur nicht sehen dürfen.

Später kam die erlösende Nachricht: Eriksen lebt, ein Reuters-Fotograf hatte das Bild geschossen, das ihn bei Bewusstsein zeigte. Der Grat zwischen Voyeurismus und Berichterstattung ist manchmal sehr schmal. Ihn zu kennen, hat mit Menschlichkeit und Verantwortung zu tun.