Literatur-Nobelpreis 2011
Die aussichtsreichsten Kandidaten
Es wird spannend: Der amerikanische Rock-Poet Bob Dylan und ein Lyriker aus Syrien stehen bei den Buchmachern ganz vorne. (Geringe) Chancen hat auch ein Österreicher.
Die Schwedische Akademie gibt am Donnerstag um 13 Uhr bekannt, wer 2011 den Nobelpreis für Literatur erhält. Nun laufen die Spekulationen auf Hochtouren - auch in den Wettbüros. Glaubt man den Zocker, geht der Nobelpreis an ...
(c) REUTERS (� Pawel Kopczynski / Reuters)
Seit Sommer verteidigt der japanische Romancier den Spitzenplatz in den Wettquoten. Diese muss man ernst nehmen, in der jüngeren Vergangenheit lag meist auch der Sieger ganz vorne in der Wertung. Murakami ist der bekannteste japanische Autor der Gegenwart. Seine Romane - etwa "Wilde Schafsjagd" (1982), "Gefährliche Geliebte" (2000) und "After Dark" (2005) - sind häufig im Stil des magischen Realismus gehalten. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Opus magnum "1Q84". Kritiker werfen ihm einen stark "verwestlichten" Stil vor.
(c) EPA (Filip Singer)
Als möglicher, aber unwahrscheinlicher Kandidat gilt der Folk- und Rock-Poet Bob Dylan jedes Jahr. Bis heuer: Bei den Buchmachern des britischen Wettanbieters Ladbrokes ist er Mittwoch auf Platz eins vorgerückt. Eine Auszeichnung des Musikers ("I'm a poet, I know it") würde der Tatsache Rechnung tragen, dass die Popkultur den Begriff von Literatur entscheidend verändert hat und bestimmt für Aufsehen sorgen.
(c) AP (WILLIAM CLAXTON)
Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar ist ebenfalls vorgerückt: Sie liegt bereits auf Platz drei bei Ladbrokes. Sie verfasst ihre Bücher auf Französisch. Das Hauptwerk der Muslimin ist die Algerische Tetralogie: In Fantasia", "Die Schattenkönigin", "Fern von Medina" und "Chronique d’un été algérien" (nicht übersetzt) schildert sie Geschichte und Gegenwart Algeriens. Mit ihr könnte die Akademie auch die arabische Revolution ehren.
(c) AP (FRANK RUMPENHORST)
Große Chancen werden heuer dem syrisch-libanesischen Dichter und Essayist Adonis (81), im bürgerlichen Namen Ali Ahmad Said, eingeräumt - zumindest bei den Zockern. Er liegt am Donnerstagvormittag auf Platz drei. Mitunter gilt Adonis auch seit Jahren als Favorit, weil der Jury oft "Europa-Zentrismus" vorgeworfen wird.
(c) Dapd (Mario Vedder)
Zum engen Favoritenkreis zählt auch Péter Nádas - der Ungar liegt auf Platz fünf. Der große europäischen Erzähler beschäftigt sich vor allem mit dem kommunistischen Ungarn. Sein Roman "Buch der Erinnerung" gilt heute als eines der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts.
(c) Die Presse (FABRY Clemens)
Jahr für Jahr wird der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer unter den Top 20 gehandelt. Heuer ist er wieder ganz vorne dabei. Bei den Wettanbietern liegt er auf Platz sechs. Tomas Tranströmer ist der meistübersetzte skandinavische Dichter des 20. Jahrhunderts, bei einem Gesamtwerk von weniger als einhundert Gedichten.
(c) Wikicommons
Der australische Poet Les Murray ist ebenfalls schon seit ein paar Jahren in der engeren Auswahl. "Der Mann, in dem die Sprache lebt", wie ihn Dichterkollege Joseph Brodsky bezeichnete, hat an die 30 Gedichtbände veröffentlicht. Die Zeitung "The New Yorker" reihte ihn unter die "drei oder vier führenden englischsprachigen Dichter" seiner Generation. Platz sieben bei Ladbrokes.
(c) Amazon
Der große amerikanische Romancier Philip Roth zählt jedes Jahr zu den Favoriten, jedes Jahr geht er leer aus. Gegen ihn spricht seine Schreibwut. Der vielfach preisgekrönte Autor "spuckt" förmlich einen Roman nach dem anderen aus, vergangenes Jahr veröffentlichte er mit "Nemesis" sein 31. Werk. Die Jury berücksichtigt bei ihrer Entscheidung das komplette Oevre eines Autors. Platz acht.
(c) AP (RICHARD DREW)
Neu im engeren Favoritenkreis ist der Somalier Nuruddin Farah. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des modernen Afrika. Der Sohn einer Dichterin widmet sich besonders der Situation der Frauen im postkolonialen Somalia, seine Werke kreisen häufig um familiäre und soziale Identität und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Anfang der 70er Jahre verließ Farah sein Geburtsland aus politischen Gründen. Heute lebt er in Südafrika.
(c) REUTERS (� Christian Charisius / Reuters)
Ko Un gilt als einer der wichtigsten Dichter und Schriftsteller Koreas - und zählt ebenfalls zum Favoritenkreis. In seiner Jugend wurde er zu einem buddhistischen Mönch ausgebildet und reiste nach dem Koreakrieg als Bettelmönch durch das Land. In den Sechzigern wurden seine Gedichte in Studentenprotesten als Widerstandshymnen gefeiert, Ko Un selbst wurde mehrfach verhaftet und gefoltert. Heute lebt der Autor als Professor für koreanische Literatur und Sprache in Seoul. Platz zehn bei den Buchmachern.
(c) APA/DPA
Der öffenlichkeitsscheue Amerikaner Thomas Pynchon ist einer der einflussreichsten Literaten der Gegenwart. Nur sieben Romane hat er seit seinem Erstling "V." (1976) veröffentlicht, darunter "Die Enden der Parabel". Ein Einwand gegen Pynchon: Er lässt sich nicht fotografieren und wird sich den Preis höchstwahrscheinlich nicht selbst abholen. Einzig zu einem Auftritt bei den "Simpsons" ließ er sich überreden: als Cartoonfigur mit einer Papiertüte auf dem Kopf. Platz elf bei Ladbrokes.
(c) Wikicommons
Nur auf Platz 12 schaffte es Cormac McCarthy, im vergangenen Jahr Favorit bei den Buchmachern. Aber 2010 ging der Preis bekanntlich an Marion Vargas Llosa. Für den postapokalyptischen Roman "The Road" (Die Straße) erhielt er 2007 den Pulitzer-Preis. Erfolgreich verfilmt wurde sein Roman "No Country for Old Men". McCarthy schreibt auch Theaterstücke.
(c) AP (DEREK SHAPTON)
Auch Joyce Carol Oates räumen die Buchmacher Chancen auf der Preis ein. Ihr Werk ist breit gefächert: Bislang publizierte sie gut 300 Erzählungen und rund 60 Romane, von sozialkritischen Büchern über fantastische Romane bis hin zu Jugendliteratur. Drei Pulitzer-Preise hat sie schon: Für "Blond", "What I Lived For" und "Black Water ". Mit dieser Masse an Erzählungen stößt sie bei der Jury auf das gleiche Problem wie Philip Roth.
(c) AP (MICHEL SPINGLER)
Auf Wettlisten weit oben steht auch der Israeli Amos Oz. Er hat eine Reihe von Romanen und Erzählungen, einige Essaybände und Kinderbücher verfasst. Sein Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" (2004) ist eine fiktive Biografie und eine Skizze der israelischen Geschichte und wurde zum internationalen Bestseller.
(c) AP (Peter Kollanyi)
Der Portugiese António Lobo Antunes gilt mit seinen Werken über Portugals Geschichte und Gegenwart ("Reigen der Verdammten") als Anwärter auf den Nobelpreis.
(c) APA (FRANZ NEUMAYR)
Der Albaner Ismail Kadare feierte mit dem Roman "Der General der toten Armee" seinen Durchbruch. Er setzt sich in seinen Werken mit dem kommunistische Nachkriegsregime auseinander. Wegen seines politischen Engagement musste er 1990 Asyl in Frankreich suchen.
(c) EPA (THOMAS SCHULZE)
Der kenianische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Ngugi wa Thiong'o wurde mit dem Roman "Weep Not, Child" Mitte der Sechziger bekannt. In seinen Büchern bezieht er sich oft auf das Verhältnis von Afrikanern zur britischen Kolonialherrschaft. Ende der Siebziger wurde der Regimekritiker von den Schergen von Präsident Jomo Kenyatta verhaftet: Im Hochsicherheitsgefängnis von Nairobi schrieb er auf Klopapier den Roman "Devil on the Cross". Der Autor lebt heute in den USA.
(c) REUTERS (� Antony Njuguna / Reuters)
Mit Herta Müller wurde erst 2009 eine Frau ausgezeichnet, die in deutscher Sprache schreibt. das schmälerte die Chancen für Christa Wolf. 2010 legte sie mit "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" ihren ersten Roman seit 16 Jahren vor. Die große Autorin ist wegen ihrer Vergangenheit in der DDR umstritten.
(c) EPA (ULRICH�PERREY)
Der Italiener Claudio Magris wird ebenfalls jedes Jahr als möglicher Preisträger gehandelt. Er schaffte den Durchbruch als Schriftsteller im Jahr 1986 mit "Danubio", einer literarischen Reise entlang der Donau. Auch seine Dissertation beschäftigte sich mit Österreich: "Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur".
(c) EPA (BARBARA GINDL)
Der Italiener Antonio Tabucchi wurde mit dem Roman "Erklärt Pereira" (Sostiene Pereira, 1994) bekannt, der auch mit Marcello Mastroianni verfilmt wurde. Tabucchi, der in der Toskana und in Portugal lebt, beschäftigt sich auch intensiv mit Fernando Pessoa und hat selbst eines seiner Bücher, Lissabonner Requiem, auf portugiesisch geschrieben.
(c) EPA (TONI ALBIR)
Der niederländische Autor Cees Nooteboom schreibt Romane, Novellen, Gedichte und Reiseberichte. Hierzulande ist er durch seinen Roman "Rituale" und die Novelle "Die folgende Geschichte" berühmt geworden. Der 74-Jährige lebt in Amsterdam und auf Menorca.
(c) Clemens Fabry
Immer wieder als mögliche Preisträgerin gehandelt wird die Kanadierin Margaret Atwood. Sie schreibt Romane, Essays, Kurzgeschichten und Lyrik und gilt als eine der renommiertesten Autorinnen im englischsprachigen Raum.
(c) EPA (BERND THISSEN)
Auch Carlos Fuentes werden Chancen eingeräumt. Er ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Mexikos und beschäftigt sich in seinen Erzählungen, Essays und Romanen mit dem Alltag und der Geschichte Mexikos. Als sein bekanntester Roman gilt "Terra Nostra" (1975), ein phantastisch-visionäres Werk, in dem Fuentes versucht, der Weltgeschichte und besonders der Geschichte Lateinamerikas eine "zweite Chance" zu geben.
(c) EPA (JAVIER LIZON)
Eine Chance wird auch ebenfalls dem Politiker und Schriftsteller Vaclav Havel eingeräumt. Mehrere Male wurde der Tscheche auch für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Die Vanek-Trilogie. Audienz, Vernissage, Protest. Versuchung. Sanierung." und das Theaterstück "Der Abgang".
(c) AP (MYSKOVA MARTA)
Havels Landsmann Milan Kundera feierte mit "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" großen Erfolg. Er hat sich inzwischen von seiner Muttersprache abgewandt und schreibt auf Französisch. Sein bisher jüngster Roman ist "Die Unwissenheit", daneben ist er auch als Essayist aktiv.
(c) EPA (-)
Als Österreicher mit den größten Chancen wird jedes Jahr aufs Neue Peter Handke gehandelt. Der Autor von "Wunschloses Unglück " könnte wohl nur für den Überraschungseffekt gut sein. Er liegt heuer nur auf Platz 51 der Wettliste.
(c) EPA (HANS KLAUS TECHT)