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Wertsteigerung

Sonderkonjunktur beflügelt Semperit

Semperit-CEO Martin FüllenbachClemens Fabry/Die Presse
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Corona hat beim Gummispezialisten Semperit zu einem Run auf seine Handschuhe gesorgt. Davon profitiert der Konzern auch heuer. Doch auch die Industriesparte hat gut performt.

„Der exzeptionelle Erfolg von Semperit wird derzeit natürlich maßgeblich von den Auswirkungen der Coronapandemie getragen“, sagt Semperit-AG-Holding-CEO Martin Füllenbach. „Wir haben infolge der Pandemie eine ganz erhebliche Erhöhung der Marktpreise für Untersuchungshandschuhe gesehen.“ Der CEO erklärt: Kosteten vor der Pandemie 1000 Handschuhe auf dem Markt rund 19 Dollar, so waren es auf dem Höhepunkt der Pandemie ungefähr 85 Dollar mit einer Lieferzeit von zwölf Monaten.

„Ging es um kurzfristig und egal um welchen Preis, dann haben Mitbewerber teilweise 150 Euro verlangt“, erzählt Füllenbach. „Aber da haben wir uns nie hinbewegt. Wir haben uns ganz bewusst nicht zum Preisführer entwickelt, sondern sind mit dem Marktpreis geflossen. Denn man begegnet einem Kunden immer zweimal.“ Das merke Semperit gerade jetzt, da die Pandemie nachlässt und die Preise nachgeben: Kunden, die vorher nur bei Mitbewerbern gekauft haben, dort aber ausgequetscht wurden, kommen zu Semperit.

„Wir haben zum Beispiel auch an Österreich am Anfang der Pandemie 65 Millionen Handschuhe geliefert“, sagt Füllenbach. „Das war ein Kraftakt für uns, da alle Welt auf einmal Handschuhe brauchte. Aber wir haben ein großartiges Team in der Medizin und wollten unserer Verpflichtung als österreichisches Unternehmen gerecht werden.“

Zwar ist Semperit mit seiner Handschuhsparte Sempermed mit Corona gut im Geschäft „Die Medizinsparte hat eine Sonderkonjunktur“, betont Füllenbach. „Aber warten Sie ab, in fünf Jahren, wenn die Preise wieder dort sind, wo sie vor Covid waren, werden wir uns alle warm anziehen müssen. Dann werden wir wieder froh sein, dass wir ein ertragsstarkes Industriegeschäft haben.“

 

Breit aufgestellt

Semperit ist eine international ausgerichtete Unternehmensgruppe mit 7000 Beschäftigten, die in den Sektoren Industrie und Medizin hoch spezialisierte Produkte aus Kautschuk entwickelt, produziert und vertreibt. Bekannt ist das fast 200 Jahre alte Traditionsunternehmen, das seit 1890 an der Börse notiert, vorrangig durch seine Medizinsparte Sempermed, in der Operations- und Untersuchungshandschuhe erzeugt werden. Der größere, aber der Allgemeinheit weniger geläufige Geschäftsbereich sind Industrieanwendungen, bei denen Semperit mit vier Divisionen beispielsweise Hydraulik- und Industrieschläuche erzeugt (Semperflex), Förderbänder (Sempertrans), Handläufe (Semperform) und Fensterdichtungen (Semperseal).

 

Restrukturierung gegriffen

Für Semperit war es nicht immer so rosig. Dass der Gummikonzern heute so erfolgreich dasteht, hat auch mit seinem CEO zu tun. Martin Füllenbach feiert in diesem Monat seinen vierten „Betriebsgeburtstag“. Im Juni 2017 ist der gebürtige Deutsche angetreten, um Semperit neu auszurichten. Die Lage sei nicht dramatisch gewesen, aber es war laut Füllenbach „schon ein sehr anspruchsvoller Zustand des Unternehmens – und zwar in beiden Bereichen: in der Industrie sowie auch der Medizin.“

Im vor vier Jahren angestoßenen Restrukturierungsprozess wurden mehr als 800 Einzelmaßnahmen über alle Divisionen gesetzt. „Zum Zeitpunkt, als Covid kam, waren wir mit unseren Hausaufgaben fertig und alle Segmente positiv“, sagt Füllenbach. Davor gab es „eine Grundsatzentscheidung: Semperit wird zu einem Industriespezialisten.“ Was schlicht die Trennung von Sempermed bedeutete. Denn das Medizin- und das Industriegeschäft seien getrennte Geschäfte, „die sich nicht befruchten, die völlig autark laufen, und bei denen ich vor allem weiß, dass sie dauerhaft nicht in diesem Set-up wettbewerbsfähig sind“, betont Füllenbach. Man könne einen morgendlichen Verkäufer von Hydraulikschläuchen nicht nachmittags in medizinische Versandhauseinrichtungen schicken und dann Operationshandschuhe verkaufen lassen.

Ein weiterer Grund, der für die Trennung von den Gummihandschuhen sprach, war, dass Sempermed schlicht zu klein ist. „Vor Ausbruch der Pandemie waren wir der neuntgrößte Anbieter auf dem Weltmarkt – in einem unfassbar schwierigen Haifischbecken mit preisaggressiven asiatischen Mitbewerbern“, sagt Füllenbach.

Der geplante Verkauf von Sempermed ist vorerst jedoch ausgesetzt. Denn die Konjunktur werde auch heuer anhalten. „Wir verdienen momentan viel Geld in der Medizin. Aber wir verdienen in der Industrie auch viel Geld“, betont Füllenbach. „Auf Gruppenebene haben wir unser operatives Ebitda dreizehn Quartale in Folge gegenüber dem Vorjahresquartal kontinuierlich gesteigert.“

 

Rekordquartal

Der im ersten Quartal 2021 erzielte Umsatzanstieg von 62,3 Prozent auf 323,1 Millionen Euro markiert den bisher besten Jahresauftakt in der Geschichte des Semperit-Konzerns – jedenfalls seit der Jahrtausendwende, heißt es von Semperit.

Das Umsatzplus von 148,9 Prozent im Sektor Medizin wurde dabei maßgeblich von der fortlaufend hohen Nachfrage für medizinische Schutzhandschuhe getragen. Gleichzeitig wurde im Sektor Industrie eine Erholung eingeleitet, die durch einen Umsatzanstieg von sieben Prozent sichtbar wurde.

Gerade in der Industrie gebe es für Semperit noch viel Potenzial zu heben. „Ich sehe überall interessante organische Wachstumschancen“, sagt Füllenbach. „Auf der Basis von organischem und anorganischem Wachstum wollen wir das Industriegeschäft auf wenigstens eine Milliarde Euro bringen.“ In welchen Bereichen man sich hier hervortun wolle? „Diesbezüglich sind wir gerade in einem komplizierten und umfassenden Strategieprozess.“ Zielsetzung sei „nicht more of the same, sondern ich möchte mich in interessante Nischenmärkte bewegen, in denen es mir gelingt, Nummer eins oder zwei zu sein“.

Es können aber auch die gleichen Produkte in neuen Märkten sein, indem sich Semperit geografisch neu aufstellt. „Nicht umsonst bauen wir gerade eine kleine Fertigung in Nordamerika für unsere Fensterprofile“, sagt Füllenbach. Mit Sempertrans sei man mit Fördergurten sehr erfolgreich in Australien und Südamerika unterwegs. „Wir müssen die Abhängigkeiten von den europäischen und insbesondere den deutschsprachigen Märkten reduzieren.“ In seinen bestehenden Geschäften will Füllenbach aber künftig „auf jeden Fall unter den Top five sein“.

Gummi hat für Füllenbach noch lang Konjunktur: „Ich sehe keine Disruption.“ Natürlich werde es mit Sicherheit Bewegung geben. Aber: „Das Thema Gummi halte ich in den nächsten 50 Jahren technologisch für nicht ersetzbar.“

INFORMATION

Semperit AG Holding. Der börsenotierte Gummikonzern ist eine international ausgerichtete Unternehmensgruppe, die in den Sektoren Industrie und Medizin hoch spezialisierte Produkte aus Kautschuk entwickelt, produziert und vertreibt. Im Geschäftsjahr 2020 erzielte Semperit einen Umsatz von 927,6 Millionen Euro und ein bereinigtes Ebitda von 208,6 Millionen Euro. Semperit beschäftigt 7000 Mitarbeiter, 900 davon in Österreich am Firmensitz Wien und im Produktionswerk Wimpassing (NÖ).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2021)