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Gastkommentar

Unternehmen sind krisenfester mit inklusiven Teams

Martin Essl zeigt auf, wie sich Inklusion als Innovationsmotor fördern lässt.(C) Zero Projekt
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Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen hat einen positiven Einfluss auf die Firmenkultur, macht soziales Engagement glaubwürdig sichtbar und hat eine wirtschaftliche Kraft.

Genau das ist eine der zentralen Botschaften von Zero Project, einer Initiative der gemeinnützigen Essl Foundation, die weltweit nach innovativen Lösungen zum Abbau von Barrieren sucht und in der Verbreitung die Lebenssituation betroffener Menschen verbessert.

Die Covid-19-Pandemie hat viele Lebensbereiche auf den Kopf gestellt. Nun müssen wir uns überlegen, wie die Welt von morgen aussehen wird und wie wir sie aktiv gestalten können. Wir haben einen digitalen Boost erlebt, und die Neugestaltung der Arbeitsabläufe und Prozesse ist im vollen Gange.

Als Unternehmer möchte ich an dieser Stelle aufzeigen, welchen konkreten Nutzen wir aus der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen gerade jetzt erzielen können. Die Ersparnis der gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichstaxe und die Entlastung der Personalkosten werden in Diskussionen immer wieder als zutreffendes Argument angeführt. Es ist aber Zeit, viel weiter zu denken: Wir sind heute gefordert, auf Innovation zu setzen und dabei auch die Talente und kreativen Denkweisen von Menschen mit Behinderungen zu nützen.

 

Motivierte Teams

Eine aktuelle Studie des Centers for Disability & Integration der Universität St. Gallen (Stephan Böhm) zeigt eindrucksvoll, dass behinderungsinklusive Teams, z. B. im Produktionsbereich, signifikant kreativer sind und mehr umsetzbare Ideen generieren. Eine weitere Studie desselben Autors beschreibt im Juni 2020, dass solche Teams während der Covid-19-Pandemie eine höhere Produktivität an den Tag legten, weniger psychische und physische Erschöpfung aufwiesen und die Kündigungsabsichten wichtiger Teammitglieder wesentlich geringer waren als in vergleichbaren anderen Unternehmen.

Denken wir nun an die Digitalisierung unserer Prozesse und stellen wir uns die Frage, ob diese auch tatsächlich barrierefrei sind, also für alle Menschen nutzbar, und nicht nur für 80 Prozent. Können zum Beispiel blinde und sehbeeinträchtigte Menschen Produkt- und Serviceinformationen auf der Firmenwebseite auch tatsächlich nützen? Es ist ein Gebot der Stunde, bei der Entwicklung der Wertschöpfung auch die Erfahrungen, Talente und das spezielle Wissen von Menschen mit Behinderungen miteinzubeziehen, sie aber auch als eigene Zielgruppe zu erkennen, die einen Mehrwert generieren.

Laut unserer eigenen Forschung im Rahmen des Zero Project erkennen weltweit immer mehr Unternehmen, dass eine strukturierte Integration von Menschen mit Behinderungen Arbeitsteams erfolgreicher macht. In der von unserer Netzwerkpartnerin Caroline Casey entwickelten Initiative „Valuable 500“ bekennen sich 500 Großunternehmen zur Inklusion, und ich freue mich, dass auch einige österreichische Unternehmen dabei sind – darunter auch Firmen, die wir bereits mit dem ALC-Preis ausgezeichnet haben.

Die Verleihung des Sonderpreises im Rahmen der ALC Awards ist ein zentraler Bestandteil unserer Bemühungen hier in Österreich. Sie soll vorbildliche Unternehmen vor den Vorhang holen und viele andere Unternehmen dazu ermutigen, Ängste und Bedenken über Bord zu werfen und Menschen mit Behinderungen eine ehrliche Chance zu geben. Die ALC-Gewinner zeigen, wie durch Vielfalt in der Belegschaft ein Mehrwert für das Unternehmen und gleichzeitig für alle anderen Stakeholder entstehen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2021)