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Interview

„Müssen dem Standort schärferes Profil geben“

KSV1870-Chef Ricardo-Jos´e Vybiral: „Österreichs Wirtschaft ist zwar solide, aber auch etwas behäbig.“(c) Georg Wilke
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KSV1870-CEO Ricardo-José Vybiral betont, Österreich muss für Betriebsansiedlungen attraktiver werden. Eine Schockwelle bei Insolvenzen, wenn die Hilfen auslaufen, erwartet er nicht.

„Die Presse“: Wie gut sind Österreichs Unternehmen durch die Krise, durch 15 Monate Pandemie, gekommen?

Ricardo-José Vybiral: Die heimische Wirtschaft ist insgesamt betrachtet gut durch die akute Phase der Krise gekommen. Ohne Zweifel sind einzelne Branchen bzw. Branchensegmente massiv betroffen gewesen, wobei es auch viele Bereiche gab, in denen nahezu unberührt von der Krise weitergearbeitet wurde. All over hatten 88 Prozent der Betriebe im März ein gutes Rating und damit ein geringes Ausfallrisiko. Anfang 2020 war der Wert nicht anders. Und laut der Austrian Business Check-Umfrage des KSV1870 in diesem Zeitraum bezeichnen drei Viertel der befragten Unternehmen die Stimmungslage als positiv. Man blickt hoffnungsfroh auf die kommenden drei Jahre. Die aktuelle Geschäftslage klassifizieren zudem 45 Prozent als sehr gut oder gut. Der große Wermutstropfen: Die rückläufigen Umsätze. Doch hier hat der Staat eingegriffen. So kritisch mancher die Ausgestaltung der Hilfsmaßnahmen gesehen hat, muss man offen und ehrlich sagen, dass sie die österreichische Wirtschaft vor einem harten Aufprall bewahrt haben.

Wie kann man in so einer Krisensituation Unternehmen überhaupt seriös bewerten?

Die Herausforderung bei der Bewertung war und ist das Ausfallrisiko insbesondere von Unternehmen, die vor Corona solide wirtschafteten, realistisch einzuschätzen. Gleichzeitig dürfen wir die Betriebe nicht besser machen, als sie nun einmal waren. In Zeiten, in denen große Teile der Wirtschaft nicht mehr nach den Regeln des Marktes spielen, macht nur mehr eine Individualprüfung Sinn. Eine komplette Branche „downzugraden“, macht keinen Sinn. Daher haben wir ein 100-köpfiges Team im Einsatz, das mit den Unternehmen aktiv Kontakt aufnimmt. Es wurde und wird genau nachgefragt, wie sie mit den Auswirkungen der Krise umgehen. Welche Maßnahmen haben sie gesetzt? Wurde das Geschäftsmodell angepasst? Wurden Hilfen in Anspruch genommen? Usw. Die Ergebnisse fließen in tagaktuell recherchierte Auskünfte – nur so können momentan Unternehmen seriös bewertet werden.

In vielen Branchen ist der Aufschwung seit vielen Wochen merkbar. Wie stark und nachhaltig wird dieser Aufschwung heuer und im Jahr 2022 ausfallen?

Das lässt sich aus heutiger Sicht noch nicht abschließend beurteilen. Zwar gibt es Öffnungsschritte, jedoch spürt man noch die angezogene Handbremse. Schließlich ist die Pandemie nicht vorbei. Laut Austrian Business Check haben Österreichs Unternehmen das laufende Jahr quasi ad acta gelegt. Lediglich 15 Prozent glauben daran, dass sich 2021 eine wirtschaftliche Verbesserung einstellen wird – diese wird vielmehr für das kommende Jahr erwartet. 39 Prozent setzen große Hoffnungen auf 2022. Weitere 22 Prozent erwarten eine Entspannung im Jahr 2023. Gleichzeitig herrscht Zuversicht, dass Österreichs Wirtschaft auch im internationalen Vergleich ein Comeback gelingen wird – auch wenn es bis dahin wohl etwas dauern wird.

Den guten Unternehmen geht's immer besser, den schlechten vielleicht bald noch schlechter. Müssen wir uns mit Ende des Jahres auf eine Insolvenzwelle einstellen? Und könnte eine solche Welle vielleicht nicht dramatisch ausfallen, weil sie nur Insolvenzen nachholt, die heuer und im Vorjahr durch Stundungen und Förderungen nicht passiert sind?

Es ist tatsächlich so, dass wir mit einem Nachzieheffekt in überschaubarem Rahmen rechnen. Und so wie Sie sagen, gibt es viele, die schon vor Ausbruch der Krise auf Talfahrt waren. Diese Firmen, wie auch jene, die mangels Liquidität den Aufschwung nicht finanzieren können, werden wir in der Insolvenz sehen. Wir rechnen damit, dass sich die Insolvenzzahlen über mehrere Jahre hinweg ausglätten werden. Aufgrund der konsequenten Begleitung der Unternehmen durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen und unter der Voraussetzung, dass dies auch nicht abrupt abreißt, erwarten wir keine Schockwelle.

Die neuen Milliardenschulden durch die Coronakrise müssen wir irgendwann abarbeiten und zurückzahlen: Können wir uns Steuererhöhungen leisten?

Steuererhöhungen sind für dieses Land kein Option, schließlich sind wir, was die Steuer- und Abgabenquote angeht, EU-weit leider im Spitzenfeld. Weitere Erhöhungen würden uns als Wirtschaftsstandort schwächen – das können wir uns nicht leisten. Viel wichtiger wäre es, dem Standort Österreich ein schärferes Profil zu geben, damit wir für ausländische Investitionen und Betriebsansiedlungen attraktiver werden.

Wie gut haben die Unternehmen die Krise genutzt, um Hausaufgaben zu machen? Hat man neue Chancen ergriffen? Oder war mehr Krisenbewältigung das Thema?

Österreichs Wirtschaft ist zwar solide, aber auch etwas behäbig. Laut unserer Umfrage hat bis jetzt nur ein Teil der Betriebe die Zeichen der Zeit erkannt und Veränderungen vollzogen. 39 Prozent bestätigen, dass sich ihr Geschäfts- bzw. Vertriebsmodell seit Beginn der Krise verändert hat. 22 Prozent meinten im März, dass eine Anpassung unmittelbar bevorstehe. Die Unternehmen sehen die Pandemie zwar als Katalysator für Veränderung, doch viele müssen noch einen Zahn zulegen, damit die Bewältigung der Krise am Ende des Tages gelingt. Es genügt nicht, Bestehendes besser zu machen, sondern vieles muss komplett neu gedacht werden.

Wie sehr sind die Unternehmen bei der Digitalisierung weitergekommen. Wie hat der beschleunigte Transformationsprozess unsere Wirtschaft verändert?

Es hat definitiv einen Turnaround gegeben. Waren vor der Coronakrise zwei Drittel der Betriebe ohne digitale Agenda unterwegs, so hat sich das Anfang des Jahres schlagartig geändert. 49 Prozent der Betriebe gaben an, eine Agenda fix verankert bzw. in Planung zu haben. Aber auch viele ohne „digitale Roadmap“ digitalisieren zumindest vereinzelt. Um zu erkennen, welchen Mehrwert die Digitalisierung für ein Unternehmen bietet, hat es in Österreich aber offensichtlich die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg gebraucht. Während der Krise ist jedenfalls ein entscheidender Schritt in Richtung einer digitalen Zukunft gelungen.

Worin sehen Sie die nächsten großen Herausforderungen, denen sich Unternehmen stellen müssen, um erfolgreich und zukunftsfit zu bleiben?

Die Digitalisierung muss konsequent weiter vorangetrieben werden. Es war gut und wichtig, dass sich etwas bewegt hat, doch auch in anderen Ländern ist die digitale Uhr nicht stillgestanden. Ich denke auch, dass ein Wechsel im Mindset der Unternehmer eine gute Sache wäre. Viele KMU sind stark auf Ertragssicherheit ausgerichtet und nicht auf die Umsetzung aggressiver Wachstumsstrategien. Eine Kurskorrektur könnte nicht schaden, man muss ja nicht gleich komplett in neoliberales Denken abgleiten. Ich denke aber, dass nun alle Reserven mobilisiert werden sollten, damit sich das Aufsperren auch lohnt. Neue Geschäftsfelder und neue Vertriebskanäle in das Geschäftsmodell zu integrieren, kann nur von Vorteil sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2021)