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Pizzicato

Neue Schritte und Reifenstecher

Hinein ins Leben, am besten beim Bodensee.Greber
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Für Kinder am Ende der Volksschule ist der Fahrradführerschein irgendwie ein neuer großer Schritt ins Leben. Wenn die wüssten, was da noch so auf sie zukommt.

Im Sommer 2012 hatte unser Bub einst laufen gelernt. Es begann an einem Maitag kurz vor seinem ersten Geburtstag. Er hatte sich in unserem Ferienhaus an einem Regal hochgezogen und stand daran gelehnt im Pyjama mit dem orange-schwarz-gelben Tigermuster so da, unsicher wackelnd wie auf schwerer See. Er lachte, kuderte.

Plötzlich ließ er los, tappte auf mich zu, vier Schritte. Tap-tap-tap-tap klatschten die nackten Füßchen über die toskanaroten Fliesen. Fast hätte er mich am Knie zu greifen gekriegt, da hat's ihn hingeprackt. Aber wie er dabei grinste, war phänomenal, und diese vier Schritte dauerten eine gefühlte kleine Ewigkeit. Irgendwie setzte dabei kurz mein Herz aus, und ich spürte, dass etwas ganz Großes passiert war.

Seither war er auf hohen Bergen, in der Üblen Schlucht im Ländle, an holländischen Stränden, mag Eislaufen, Skifahren, klettert auf Bäume, Felswände und Zäune. Klar kann er Rad fahren, nicht stets friktionsfrei, mehrfach hat's ihn aufgehaut, in England etwa auf diesem verflixten Kiesweg auf den Scilly Islands, Jössas, das Knie hat ausgeschaut!

Und jetzt also war Fahrradprüfung. Am Mittwoch der Praxisteil, die Viertklässler befuhren einen Testkurs, Polizisten sahen zu*. Damit kriegt man den Radausweis. Manchmal hält der Bub heute noch eine Erwachsenenhand. Mit dem Ausweis darf er aber schon ohne uns auf öffentlichen Verkehrsflächen radeln. Das ist wieder etwas ganz Großes. Ein großer Schritt in den Verkehr. Ins Leben. Ins Risiko.

Traurig ist halt: Irgendwann wird jemand (das ist jetzt metaphorisch gemeint) versuchen, ihn vom Rad zu schupfen, den Reifen aufzustechen. Das Haxel zu stellen sowieso. So ist's leider immer im Leben. (wg)
*Von 15 Kindern flogen dabei leider zehn (!) durch. War eine sehr, sagen wir, seltsame Prüferin vom Arbö, wie man hört.

Reaktionen an: wolfgang.greber@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2021)