Analyse: Camerons radikale Idee

Wie Briten-Premier Cameron den Staat zurückdrängen will.

Wie schon seine legendäre Vorgängerin Margaret Thatcher versucht der britische Tory-Premier David Cameron, das Verhältnis zwischen dem Staat, der Gesellschaft und dem Markt neu zu definieren. Dafür gibt es zwei Gründe: budgetäre und philosophische. Großbritannien hat ein gigantisches Defizit aufgetürmt. Wenn es nicht abgetragen wird, droht dem Land eine Stagnation wie Japan.

Anders als zögernde Keynesianer ist Schatzkanzler Osborne daher zu tiefen Einschnitten entschlossen, auch bei den Wohlfahrtsleistungen. Dahinter steht nicht nur Sparzwang, sondern der Gedanke, dass staatliche Steuerung oft ineffizient ist und zu sozialer Lähmung führen kann.

Und da kommt Camerons Idee einer „Big Society“ ins Spiel, einer Gesellschaft, in der sich der Einzelne nicht zurücklehnt, sondern engagiert. So soll etwa Elterngruppen das Recht eingeräumt werden, Schulen zu gründen. Cameron will, dass der Zentralstaat Macht abgibt und Bürger Verantwortung übernehmen. Das erinnert ironischerweise an die kommunitaristischen Ansätze von Amitai Etzioni und anderen „grünen“ Denkern, die einen Mittelweg zwischen Etatismus und Laisser-faire-Liberalismus suchten.

Ist Cameron erfolgreich, könnte sein Experiment schnell Nachahmer finden. Es wäre nicht die erste Idee, die von Großbritannien aus ihren Siegeszug antritt.

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2010)

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